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Beitrag Verfasst: Sonntag 1. August 2010, 20:38 
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Allmendingen.
Für ihren Einsatz im Bundes- verband Contergangeschädigter hat Margit Hudelmaier aus Allmendingen gestern das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Margit Hudelmaier ist seit 1992 Vorsitzende des Bundesverbands Contergangeschädigter. Gestern ist die 49-jährige Sozialpädagogin mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Vor etwa 70 Gästen im Allmendinger Bürgerhaus überreichte die baden-württembergische Sozialministerin Monika Stolz die Auszeichnung und betonte, Monika Hudelmaier habe sich weit über das normale Maß hinaus unermüdlich engagiert.

Von Oktober 1957 bis November 1961 hatte das Medikament "Contergan", von den werdenden Müttern als Schlafmittel eingenommen, bei weltweit etwa 5000 Kindern schwere Missbildungen verursacht. Auch bei Margit Hudelmaier. Die Allmendingerin hat sich schon als Jugendliche dafür eingesetzt, den Geschädigten mehr Gehör zu verschaffen. Lange Zeit sei der Verband der Contergangeschädigten "wie ein Rufer in der Wüste" gewesen, sagt sie. Bis im Jahr 2007 der Fernsehfilm "Contergan" ausgestrahlt wurde - gegen den juristischen Widerstand der Herstellerfirma Grünenthal aus Stolberg bei Aachen. "Grünenthal hätte den Film nicht besser bewerben können", meint Margit Hudelmaier. 2008 habe sich das Unternehmen schließlich bereit erklärt, 50 Millionen Euro an die Conterganstiftung zu überweisen. Weitere 50 Millionen steuerte der Bund bei. Den etwa 2700 berechtigten Conterganopfern in Deutschland stehe somit 25 Jahre lang ein Jahresbetrag von bis zu 3500 Euro zur Verfügung.

Der Bundesverband und seine Vorsitzende müssen aber auch Kritik einstecken: Sie setzten sich zu wenig für die Geschädigten ein, hätten zu wenig erreicht. Umso größer die Freude bei Margit Hudelmaier über das Verdienstkreuz: "Für mich ist die Auszeichnung ein Stück weit Lohn für die Schmähungen, wenn man mit der Politik und mit Grünenthal verhandelt." jmb

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Beitrag Verfasst: Sonntag 1. August 2010, 20:40 
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Beitrag Verfasst: Sonntag 1. August 2010, 20:44 
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Er will 15 Milliarden vom Staat
Von Michael Schick 31. Juli 2010, 06:00 Uhr

Otmar Korte ist Contergan-Opfer und Anwalt . Er klagt gegen die Bundesrepublik Deutschland auf Schadenersatz

Norderstedt. Er hat sich durchgesetzt, sich nicht in die soziale Hängematte fallen lassen. "Ich bin eine Ausnahme in der Contergan-Szene", sagt Otmar Korte und lehnt sich zufrieden zurück im schwarzen Ledersessel. Der 48-Jährige genießt den Erfolg, er führt eine Anwaltspraxis mit mehreren Mitarbeitern und steuert weiter auf Expansionskurs. Doch dann schnellt der Norderstedter nach vorn, die Augen verengen sich hinter der Brille, er zeigt seine Kämpfernatur: "Wenn man behindert ist, muss man immer mehr geben als die anderen, 100 Prozent reichen nicht."

Sein Handicap sind die extrem verkürzten Arme, die Hände sitzen fast direkt an den Schultern. Korte ist ein Contergan-Opfer, eins von 5000 in Deutschland und 10 000 weltweit. Auch seine Mutter hatte das Beruhigungs- und Schlafmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid des Pharma-Unternehmens Chemie-Grünenthal GmbH während der Schwangerschaft genommen. Gegen die Übelkeit.

Schon der junge Korte wusste sich zu wehren, mit Worten

Trotz der Missbildungen erlebte der Sohn eine "völlig normale Kindheit". Er ließ den anderen keine Chance, ihn auszugrenzen, zu hänseln. Schon der junge Korte wusste sich zu wehren, mit Worten. "Aber auch körperlich", sagt er, lächelt und behält seine Verteidigungsstrategie für sich. Er hat Fußball gespielt, zog mit den anderen in den Wald, wenn sie mit dem Luftgewehr "rumgeballert haben", führte schon als Zwölfjähriger den Kran, der zum Baugeschäft seines Vaters gehörte, und fuhr Lkw. "Dass ich so aufwachsen konnte, lag wohl daran, dass wir auf dem Dorf gelebt haben", sagt der Westfale aus der 4000-Seelen-Gemeinde Freienohl im Sauerland, die inzwischen zur Stadt Meschede gehört.

Die Unbeschwertheit hat der Sauerländer mit dem sprichwörtlichen Dickschädel längst hinter sich gelassen. Er hat sich an eine Herkules-Aufgabe gewagt und die Bundesrepublik Deutschland auf Schadensersatz verklagt (wir berichteten). "Der Staat hat es damals unterlassen, Arzneimittelproduktion und -vertrieb zu kontrollieren", sagt Korte. Er sei bisher der Erste, der gegen den Staat klagt. Korte und die weiteren deutschen Opfer von Contergan können bis heute nicht verstehen, warum damals niemand die Bundesregierung wegen der Contergan-Katastrophe zur Verantwortung gezogen hat. Die Bundesrepublik trage erheblichen Anteil am Leid der Opfer.

Erst seit 1976 müssen die Hersteller nachweisen, dass ihre Mittel helfen

"Die Regierung hat dem unverantwortlichen Treiben des Herstellers von Contergan keinen Einhalt geboten. Grünenthals Profitgier und die Nachlässigkeit der Politik bei der Überwachung der Arzneimittelproduktion und dem Vertrieb der Tabletten haben Tausenden von Kindern die körperliche Unversehrtheit genommen", sagt der Jurist. Nach den Römischen Verträgen von 1957 zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft hätte Deutschland sofort ein Arzneimittelgesetz schaffen müssen, sagt Korte. Dieser Verpflichtung sei Deutschland nicht nachgekommen. Erst seit dem Arzneimittelgesetz von 1976 müssen die Hersteller nachweisen, dass ihre Mittel helfen und ungefährlich sind. Eine funktionierende Arzneimittelaufsicht hätte den Zusammenhang zwischen dem Schlafmittel Contergan und embryonalen Schädigungen schon 1958 erkannt, sagt Korte. Der Staat hätte das Mittel spätestens 1960 vom Markt nehmen müssen.

Der symbolische Streitwert beträgt 5001 Euro. "Das ist eigentlich noch viel weniger als symbolisch", sagt er streitbare Anwalt, der sich auf Arbeitsrecht spezialisiert hat. Selbst fünf Millionen reichten nicht, um das wieder gut zu machen, was er und andere Conterganopfer erleiden mussten und immer noch müssen. In den USA wären die Betroffenen mit einem dreistelligen Millionenbetrag entschädigt worden.

Otmar Korte zahlt schon seit zwei Jahren keine Steuern mehr

Das ist die spektakulärste Klage. Außerdem klagt er auf Steuerbefreiung. Zwei Jahre hat er schon nicht gezahlt, fast so lange "kaue das Land Schleswig-Holstein schon daran rum". Nach Kortes Auffassung verstößt es gegen die Menschenwürde, wenn er seinem Schädiger auch noch Steuern zahlen soll. Außerdem will er vor Gericht erreichen, dass er als Opfer nach dem Opferentschädigungsgesetz anerkannt wird. "Bisher fallen Contergan-Opfer nicht unter dieses Gesetz, weil sie nach bisherigere Rechtsprechung keine Gewaltopfer sind. Das sehe ich anders. Wir wurden mit Medikamenten vergiftet, das fällt für mich unter Gewalt", sagt Korte.

"Sie glauben ja gar nicht, was man sich alles gefallen lassen muss", sagt der verheiratete Vater zweier Töchter. Und die Kampfbereitschaft weicht einer Mischung aus Wut und Bitterkeit. Die Ganzkörper-Hornhaut, die sich Korte nach eigenen Worten zugelegt hat, bekommt Risse. Die Verletzlichkeit scheint durch. Das Unverständnis darüber, dass er immer wieder und immer noch Blicke auf sich zieht und die Mitmenschen zu manchmal ja durchaus gut gemeinten Kommentaren animiert: "Als ich mit meinem neuen Wagen getankt habe, hat mich doch einer gefragt, ob wir eine Rentenerhöhung bekommen haben", sagt Korte. Oder der Skiläufer, der ihm anerkennend zunickte: "Das geht ja schon ganz gut." Er fahre seit 40 Jahren Ski und besser als viele Menschen ohne Handicap. Die menschlichen Spiegel brauche er ebenso wenig wie die echten: "Ich kann mein Spiegelbild nicht ertragen", sagt der Mann, der eigentlich Pilot werden wollte und nicht konnte, aber doch von der Luftfahrt nicht lassen wollte.

Nach dem Jura-Studium begann Korte seine berufliche Karriere als Luftfahrtberater. Als die Branche zum Sinkflug ansetzte, machte er sich 1996 mit eigener Kanzlei in Norderstedt selbstständig. Seit 2004 hat er die Zulassung als Fachanwalt für Arbeitsrecht. Die Kanzlei floriert. "Der berufliche Erfolg war und ist für mich ein absolutes Muss", sagt der Jurist, der hart dafür gearbeitet und bis vor zwei Jahren problemlos mit seinem Handicap gelebt habe.

Doch dann lief im November 2007 "Contergan" im TV, der Zweiteiler, der schildert, wie Eltern mit einem Kind leben, dem Arme und Beine fehlen, wie die Tochter von anderen gemieden wird, wie der Vater gegen Grünenthal klagt, 100 Millionen Mark Schadenersatz erstreitet und hinnehmen muss, dass das Verfahren schließlich wegen "geringfügiger Schuld" der Angeklagten und "mangelndem Interesse der Öffentlichkeit" eingestellt wird. Der Film hat nicht nur alte Wunden aufgerissen, er hat Kortes Hilfsbedürfnis geweckt, ihn dazu gebracht, sich für andere einzusetzen. "Jetzt konnte ich mir das beruflich erlauben", sagt der Anwalt, der die damaligen Rechtsbeistände der Opfer als "anwaltliche Blindgänger" bezeichnet.

Die Behörden bezahlen vielen Opfern nicht einmal Spezial-Toiletten

Er sei nicht nur in eigener Sache vors Gericht gezogen, sondern auch für die Contergan-Opfer, bei denen das Medikament viel stärkere Missbildungen verursacht hat. "Im Vergleich zu anderen geht es mir ja noch gut. Viele hatten gar keine Chance zu arbeiten, denen geht es so schlecht, dass sie den Kitt aus den Fenstern fressen", sagt Korte. Die Ordnungsämter bezahlten ihnen nicht mal Spezial-Toiletten. Viele hätten nichts erlebt, nur gelitten. 15 Milliarden Euro ist die Summe, die Korte der Bundesrepublik abtrotzen will, 15 Milliarden für die noch rund 2500 Conterganopfer, die nach Kortes Recherchen noch existieren. Und mit dem Geld ein bisschen Leben nachholen könnten.

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Beitrag Verfasst: Sonntag 1. August 2010, 20:46 
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Zur Person
Niko von Glasow


Erstellt 30.07.10, 22:42h
Niko von Glasow wurde 1960 in Köln geboren. Er ist Filmregisseur, Fotograf, Autor und Inhaber der Produktionsfirma Palladio Film. Nach ersten Erfahrungen als Produktionsassistent bei Rainer Werner Fassbinder arbeitete er mit Filmemachern wie Georg Stefan Troller, Alexander Kluge und Jean-Jacques Annaud zusammen.

Seinen ersten Kurzfilm, „Hochzeitsgäste“, drehte er an der renommierten Filmhochschule Lodz, Polen. Er wurde mehrfach dafür ausgezeichnet. 2004 lief sein Spielfilm „Edelweißpiraten“ auf der Berlinale. Darin beschäftigt sich von Glasow mit der Kölner Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus, die lange nicht als solche anerkannt wurde.

„Nobody's Perfect“ kam 2008 ins Kino. Zum Film liegt ein Buch vor - für beide begab sich von Glasow auf die Suche nach Contergan-Opfern, die bereit waren, sich nackt fotografieren zu lassen. Der Film gewann den Deutschen Filmpreis. Er wird am 10. August um 22.45 Uhr in der ARD gezeigt. (F.O.)

Niko von Glasow: „Die Bevölkerung steht hinter uns“

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Beitrag Verfasst: Sonntag 1. August 2010, 20:47 
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Niko von Glasow
„Die Bevölkerung steht hinter uns“


Erstellt 30.07.10, 22:42h, aktualisiert 31.07.10, 09:47h
In der Reihe „Sommergespräch“ spricht der Regisseur Niko von Glasow Petra Pluwatsch und Frank Olbert über Contergan, seinen neuen Film „Nobody's Perfect“, Tibet und Buddhismus.

Herr von Glasow, Ihr Film „Nobody is perfect“ wird demnächst auch in der ARD gezeigt, was ja sehr schön ist . . .

NIKO VON GLASOW: In der Tat. Der Film hat sehr viel bewirkt. Er hat zum Selbstbewusstsein der 2500 Contergan-Geschädigten in Deutschland und auch weltweit beigetragen. Er hat dazu beigetragen, dass sich Selbsthilfegruppen gebildet haben. Viele Contergan-Geschädigte haben nachgemacht, was wir im Film zeigen. Sie haben Partys organisiert und Stammtische gegründet. Auch jetzt zur Sendung wird es öffentliche Veranstaltungen geben, in Dörfern werden Leinwände aufgebaut und es wird gefeiert.

Warum haben die Betroffenen sich nicht schon vorher zusammengetan?

VON GLASOW: Gute Frage. In England zum Beispiel, in Brasilien oder Portugal vertragen sich die Contergan-Geschädigten einfach besser. In Deutschland beschäftigen sie sich sehr viel mit sich selber und zanken gern. Aber das sind natürlich nur die Lautstarken. Die Stilleren, die sich jetzt zusammentun, kümmern sich mehr um Selbsthilfe. Ich glaube, die deutschen Contergan-Opfer fühlen sich betrogen und hintergangen von der deutschen Politik. 1970 war der große Prozess, und der wurde massiv von der Pharmaindustrie gelenkt. Da sind offensichtlich auch massiv Schmiergelder geflossen.

Es gibt jetzt zwei Filme zum Thema Contergan, Ihren und den von Adolf Winkelmann. War es vorher ein wenig aus dem Blick der Öffentlichkeit geraten?

VON GLASOW: Das glaube ich nicht. Die Deutschen sind den Conterganbehinderten extrem zugeneigt. Die Bevölkerung steht immer noch hinter uns. Ich glaube, dass die Politik und die Lobby der Pharmaindustrie gegen uns ist. Es ist noch immer so, dass es vonseiten der Firma Grünenthal bzw. der Familie Wirtz keine echte Entschädigung oder nur eine Entschuldigung gibt.

Spürten Sie diesen Widerstand, als Sie den Film gemacht haben?

VON GLASOW: Klar. Ich bin ja nicht an die Familie Wirtz herangekommen. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann den, einen echten menschlichen Kontakt zur Familie Wirtz, zu den Erben der Täter, herzustellen.

Warum?

VON GLASOW: Ich glaube, dass sie in gewisser Weise auch contergangeschädigt sind. Mindestens 5000 tote Kinder und genauso viele extrem geschädigte Menschen - wer dafür verantwortlich ist, hat Schuld auf sich geladen.

Was würden Sie ihnen sagen?

VON GLASOW: Ich würde sie fragen, wie es ihnen geht. Ich glaube, wer so viel Schuld auf sich geladen hat oder von dieser Schuld direkt profitiert, muss leiden, das kann nicht anders sein. Ich glaube, dass auch die Enkel und Urenkel der Familie diese, ich will es mal pathetisch sagen, Erbschuld loswerden sollten. Und wir könnten ihnen dabei helfen. Wir könnten mit ihnen besprechen, wie wir einen finanziellen Plan aufbauen, ohne dass es ihnen schaden würde. Die Familie Wirtz hat so viel Geld. Man kann ja nur in einem Bett pro Nacht schlafen. 15 Villen braucht kein Mensch, da reichen auch 13. Ich glaube, wenn man ein wirkliches Zusammentreffen von Menschen herbeiführt, können sich Knoten lösen.

Wann haben Sie eigentlich realisiert, dass Sie körperlich anders sind als andere Menschen?

VON GLASOW: Als ich so sieben, acht Jahre alt war. Aber so richtig zugeschlagen hat es in der Pubertät, wo man ja immer einen Grund sucht, warum man diese oder jene Freundin nicht gekriegt hat. Später auch in der Arbeit als Regisseur oder Produzent. Ich glaube, ein Grund, warum ich alle meine Filme selber produziert habe, liegt daran, dass ich nicht angefragt wurde. Da ist eine Scheu, eine Berührungsangst.

Wie kam es, dass Sie ins Filmgeschäft eingestiegen sind?

VON GLASOW: Ich habe angefangen, Fotos zu machen und habe bis zum Abitur Super-Acht-Filme gedreht. Schon als Kind, in den 60er und 70 Jahren, war ich mit vielen Malern und Musikern befreundet. Ich habe nichts lieber getan als ihnen zu sagen, was sie tun sollen.

Sie sagen, dass Ihnen andere oft nicht genug zutrauen. Wie ist es mit Ihnen selber - existieren diese Barrieren auch in Ihrem Kopf?

VON GLASOW: Das glaube ich nicht. Ich habe mir immer übertrieben viel zugetraut. Ich habe nach dem Abitur, mit 18, in Uganda, Ruanda und Burundi politische Flüchtlinge geschmuggelt. Das war sozusagen mein erster Job. Dann habe ich mit Rainer Werner Fassbinder gearbeitet, was auch nicht gerade einfach war.

Haben Sie manchmal das Gefühl, jetzt muss ich es allen zeigen, ich bin besser als alle anderen, trotz meiner Behinderung?

VON GLASOW: Regisseur zu sein bedarf ohnehin einer gewissen Neurose. Sonst täte man sich das nicht an. Alle Regisseure haben gewissermaßen eine Behinde rung. Mein Wesen setzt sich ja aus ganz vielen Dingen zusammen, aus meiner Familie, aus meiner Behinderung, aus meinem Deutschsein, aus meinem Vatersein. Die Behinderung ist ja nur ein Teilaspekt meiner Persönlichkeit.

Wie haben Sie Fassbinder erlebt?

VON GLASOW: Ich war als Teenager sehr kindlich und naiv. Ich bin einfach zu den Bavaria-Studios gefahren und habe gefragt, wo man hier ein Praktikum machen kann. Sie sagten: In Halle acht, da machen sie gerade einen Film. Ich weiß noch, wie ich in einen Flur reingekommen bin, und am Ende dieses langen Flurs schrie ein Mensch: „Der da hinten ist für die Bierkästen zuständig.“ Das war mein erstes Treffen mit Fassbinder. Wir waren sieben Praktikanten. Nach einer Woche waren wir nur noch zwei. Ich habe Bierkästen getragen bei dem Film „Lola“. Ich kann gut Bierkästen tragen und ich kann auch guten Kaffee kochen.

Was hat Sie bei „Nobody is perfect“ angetrieben. War der Film eine Therapie?

VON GLASOW: Ich habe ein Angebot bekommen, mein erstes Angebot vom WDR, einen Dokumentarfilm über Contergan zu machen. Ich habe erst einmal gesagt: Nein, das mache ich auf keinen Fall. Ich bin nach Hause gefahren, habe das meiner Frau erzählt, und sie sagte: Niko, es ist Zeit. Es ist ganz wichtig, dass Du diesen Film machst. Ich habe gesagt: Ich kenne mich doch überhaupt nicht aus mit Behinderten, und mit Contergan auch nicht. Da sagte sie: Na ja, genau deswegen solltest Du das machen.

Mit welchen Gefühlen gingen Sie dann an die Arbeit?

VON GLASOW: Wenn man zu den Anonymen Alkoholikern geht, muss man als erstes zugeben, dass man Alkoholiker ist. Für mich war es ein großes Erlebnis, mich vor ein Publikum hinzustellen und zu sagen: Mein Name ist Niko und ich bin behindert. Das war irre. Natürlich wusste ich auch vorher, dass ich behindert bin, aber dieses Veröffentlichen der Wahrheit war ein ungeheuer wichtiger Schritt. Insofern war nicht unbedingt der Film die Therapie. Es waren eher die Festivals, das Leben mit dem Film.

Sie haben auch Filme über Tibet gemacht. Wie kam es dazu?

VON GLASOW: Ich habe eine Schule in Tibet, in Lhasa, die Tibet Film School, die ich leite. Eine sehr kleine Filmschule, aber immerhin. Ich bin befreundet mit einigen tibetischen Lamas. Das ist eine Welt, die mich sehr anregt und die ich einfach mag.

Wieso gerade Tibet?

VON GLASOW: Da gibt es wahnsinnig schönes Licht. Tibet ist für Film und Fotografie das schönste Land der Welt. Ich bin Buddhist, schon seit meiner Kindheit. Ich bin allerdings kein tibetischer Buddhist.

Wie kamen Sie zum Buddhismus?

VON GLASOW: Mein Vater und auch meine Mutter waren sehr interessiert an Buddhismus. Da gab es extrem viele Bücher, als ich klein war. Ich bin Legastheniker und lese deshalb sehr langsam. Es gab ein Buch von Laotse, ein ganz dünnes Buch - das kam mir entgegen. Ich weiß noch genau, die ersten beiden Zeilen heißen: „Wenn du das Tao nennst, ist es nicht das wahre Tao.“ Dieser Satz hat mich so beeindruckt, dass ich lange darüber nachgedacht habe. Da war ich ungefähr sieben.

Was schätzen Sie an Köln?

VON GLASOW: Vieles. Das gute Essen. Ich finde, dass Köln weltweit eine gute Fressstadt ist. Die Toleranz dieser Stadt finde ich wirklich vorbildlich. Ich mag, dass sie wunderbar klein ist und ich vieles zu Fuß machen kann. Und ich habe hier viele Freunde.

Denken Sie über das Alter nach?

VON GLASOW: Ich möchte ein Dorf bauen, auch wenn das nicht die richtige Bezeichnung ist. Ein Haus, ein Dorf für Menschen, die eventuell Hilfe brauchen, die pflegebedürftig sind, die im Rollstuhl sitzen, die vielleicht sterben. Ich habe festgestellt, dass es für mich und meinen Geschmack kein solches Haus gibt. Im Grunde gibt es nichts Gemütliches: Holzböden, Helligkeit, was im Grunde der Ästhetik der 68-Generation entspricht. Wir alle werden einmal alt, aber keiner redet darüber und kümmert sich darum. Wir gehen davon aus, dass wir schon irgendwie durchkommen.

Wie stellen Sie sich Ihr eigenes Alter vor?

VON GLASOW: Natürlich in dem Haus. Was glauben Sie, warum ich das bauen will?
Das Gespräch führten Petra Pluwatsch und Frank Olbert

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Beitrag Verfasst: Montag 2. August 2010, 20:41 
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WDR2
MONTALK - MONTAG, 02.08.10 19.00Uhr
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Niko von Glasow
Fotograf, Filmregisseur
Als Niko von Glasow bei Rainer Werner Fassbinder seine filmische Laufbahn begann, wurde er vom berühmten Regisseur dazu verdonnert, sechs Wochen lang die Bierkästen zu schleppen. Nicht unüblich für einen neuen Assistenten. Bei Niko von Glasow schon, denn als Contergan-Opfer hat er von Geburt an verkürzte Arme. Die Bierkästen hat er trotzdem geschafft, ebenso ein Film-Studium in New York und Polen, später gründete er eine Filmproduktionsfirma. Mit der hat er als Produzent und Regisseur preisgekrönte Filme gedreht, unter anderem "Edelweißpiraten" über die jungen Widerstandskämpfer im Köln der Nazi-Zeit.

Preisgekrönter Regisseur
Seine Behinderung hat von Glasow 40 Jahre lang verdrängt, dann hat er sie radikal in einem Film zum Thema gemacht. In "NoBody's Perfect" zeigt er, wie er und elf weitere Contergan-Opfer sich für einen Akt-Kalender fotografieren lassen. Die Dokumentation mit komödiantischen Anteilen hatte die Gründung zahlreicher Selbsthilfegruppen zur Folge und wurde mit dem Deutschen Filmpreis 2009 ausgezeichnet. Am 10. August ist sie in der ARD erstmals im Fernsehen zu sehen.

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@Robbe,danke für den Hinweis zu diesem Beitrag.

  


Beitrag Verfasst: Dienstag 3. August 2010, 08:31 
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ALLMENDINGEN, 03. AUGUST 2010
Voller Einsatz für Contergan-Opfer
Verbandsvorsitzende erhält Verdienstkreuz
Für ihren Einsatz im Bundes- verband Contergangeschädigter ist Margit Hudelmaier aus Allmendingen ausgezeichnet worden.
Margit Hudelmaier ist mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.
Als Margit Hudelmaiers Mutter schwanger war, nahm sie eine Tablette - Contergan. Das Rezept für das Medikament und die restlichen Tabletten seien immer noch in ihrem Besitz, sagte Margit Hudelmaier, als sie jetzt im Bürgerhaus von Allmendingen (Alb-Donau-Kreis) das Bundesverdienstkreuz erhielt. Ihre Eltern und ihr Bruder hätten sich dem Schicksal gestellt, sagte die 49-Jährige ergriffen. "Es wäre schön, wenn der Orden aus vielen kleinen Teilen bestehen würde", sagte sie. Dann könne sie ihrem Mann Rainer, den sie vor 31 Jahren kennen lernte, und ihrem Sohn Julian, aber auch vielen anderen Menschen, die sie im Leben begleitet haben, besser danken. Eines hätten alle ihre Ehrenämter gemeinsam, sagte Hudelmaier: Sie wolle Menschen helfen. "Menschen sind mir wichtig." Die gut 70 Gäste spendeten kräftigen Applaus.

Margit Hudelmaier habe sich weit über das normale Maß und unermüdlich bürgerschaftlich engagiert, sagte Landessozialministerin Monika Stolz, die das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik überreichte. Hudelmaier ist seit 1992 Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigter, seit mehr als 25 Jahren Vorsitzende des Landesverbandes, stellvertretende Vorsitzende im Stiftungsrat der Conterganstiftung, in der Stiftung Delphin engagiert, Mitglied im Verwaltungsrat der Sozialstation Erbach und Vorsitzende des Allmendinger VdK.

Allmendingens Bürgermeister Robert Rewitz, der Margit Hudelmaier seit Kindertagen kennt, sagte: "Ich habe es immer bewundert, wie du dein Leben gemeistert hast." Jörg Kreuzinger von der Contergan-Ortsgruppe Karlsruhe sagte, dass solch eine Auszeichnung unweigerlich Neider und Kritiker aktiviere. "Selbstverständlich sind noch nicht alle Ziele, die der Bundesverband sich gesteckt hat, erreicht."
Redaktion: JULIA-MARIA BAMMES

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Beitrag Verfasst: Dienstag 3. August 2010, 08:35 
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Ratgeber "Medien"
Den Mut finden
Dokumentation im Ersten über den Alltag von Contergan-Opfern
Von Fred Diehl. Die Hauptdarsteller in dem Film "NoBody's Perfect" sind alle Contergangeschädigte. Alle mit sehr kurzen Armen und Händen. Einige auch mit verkrüppelten Beinen. Aber Regisseur und Produzent Niko von Glasow, selbst Contergangeschädigter, hat sie überreden können, an Fotoaufnahmen für einen Kalender mitzuwirken, einen Kalender mit Aktfotos.


Von Glasow dokumentiert in Gesprächen ihre Lebenshaltung, ihre Probleme, auch ihre Selbstironie bis hin zu schwarzem Humor.

Gleich zu Beginn des Films lässt Niko von Glasow erkennen, dass die Arbeit an der Dokumentation auch ein Stück Selbsttherapie für ihn war. Sein Sohn fragt: "Warum gehst du nicht mit mir ins Schwimmbad?" Und der Vater sagt: "Weil ich Angst davor habe, den anderen Leuten meine kurzen Arme zu zeigen. Aber ich denke, wenn ich es schaffe, mich vor einer Fotokamera nackig auszuziehen, dass ich dann irgendwie den Mut finde, auch mit dir ins Schwimmbad zu gehen." Nach den Fotoaufnahmen mit ihm und elf weiteren Contergan-Opfern findet er den Mut.

Allen Mitwirkenden - angefangen mit der Bürgermeisterin Kim Morton in Belfast, geschädigt an Armen und Beinen, bis hin zum deutschen Astrophysiker Fricke im Rollstuhl - hat die Arbeit für den Film und die Fotos ohnehin neue Impulse gegeben. Doris Pakendorf, die das Rotweinglas zwischen den Zehen zum Mund führt, sagt gerührt: "Ich habe ein ganz neues Lebensgefühl erhalten und habe erkannt, dass ich auch als Conterganer was ausstrahle, was habe, was bin!"

Dennoch erinnert Regisseur Niko von Glasow, dessen "NoBody's Perfect" schon 2008 in den Kinos lief, im Begleittext auch an andere Schicksale: "Die Verzweiflung der Betroffenen nimmt ständig zu". Viele seien, wegen der Schmerzen, ausgelöst durch die Folgeschäden, auf Morphium angewiesen. In seinem Film überwiegt allerdings die positive Note. Die Gespräche mit seinen Akteuren zeichnen sich durch Lockerheit, Direktheit und sogar Humor aus.

Contergan war vom Pharmaunternehmen Chemie Grünenthal von 1957 bis 1961 als Medikament gegen Schwangerschaftsübelkeit und als Beruhigungs- und Schlafmittel produziert worden. Zu spät erkannte man, nachdem konkrete erste Warnungen kaum Beachtung gefunden hatten, dass das Medikament zu Totgeburten führen und Missbildungen verursachen konnte. Bianca Vogel, erfolgreiche Dressurreiterin trotz verstümmelter Arme, Tochter eines Apothekers, erzählt im Film, dass es ausgerechnet ihr Vater gewesen sei, der ihrer Mutter in der Schwangerschaft Contergan gegeben habe.

Den Vorschlag, einen "persönlichen und originellen" Dokumentarfilm über Contergan-Opfer zu drehen, habe ihm der WDR in Köln gemacht, so Niko von Glasow. Er drehte ihn im Frühjahr und Sommer 2007. Zu dieser Zeit lag der WDR-Zweiteiler "Contergan", gedreht zwischen November 2005 und Januar 2006, auf Eis - gestoppt durch juristische Blockaden von Chemie Grünenthal.

Der Dokumentarfilm konnte erst im November 2007 gesendet werden. WDR-Redakteurin Katja De Bock, mitverantwortlich für "Contergan" und "NoBody's Perfect", mahnte damals: "Im Fokus stehen die Betroffenen, die nicht nur unseren Respekt, sondern auch, unabhängig von der Unbequemlichkeit der Thematik, unsere konstante Aufmerksamkeit verdienen." Das gilt noch heute.



IM FERNSEHEN

"NoBody's Perfect", 10.8. um 22.45 Uhr im Ersten

Von Fred Diehl

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Beitrag Verfasst: Dienstag 3. August 2010, 13:04 
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Bianca Vogel lädt zum Solidaritätsfest


Sinzig (kobinet) Die contergangeschädigte Dressurreiterin Bianca Vogel hat zu einem Solidaritätsfest im Sinziger Schloss eingeladen. Anlass ist die Erstausstrahlung des im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten Films “NoBody’s Perfect” am 10. August ab 22.45 Uhr im Ersten.

Die Paralympics-Siegerin und Weltmeisterin, die als Erzieherin in einer Kindertagesstätte in Bad Bodendorf arbeitet, will die Öffentlichkeit über die tatsächliche Situation der Conterganopfer in Deutschland informieren. Mit dabei sind der Regisseur und mehrere Darsteller des Film sowie Aktivisten aus der Szene. Die Sinzigerin kämpft mit ihnen für eine gerechte Entschädigung der noch 2800 lebenden Contergan-Geschädigten durch die Herstellerfirma Grünenthal und für eine Entschuldigung der Bundesregierung bei den Opfern. sch

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Beitrag Verfasst: Freitag 6. August 2010, 08:15 
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WELT ONLINE

Boykott-Kampagne der Opfer weitet sich aus

Die bundesweite Boykott-Kampagne von Conterganopfern gegen Produkte der Dalli-Gruppe geht weiter. Sie richtet sich gegen die Unternehmerfamilie Wirtz, der auch der frühere Hersteller des Schlafmittels Contergan Grünenthal gehört. Nach Angaben eines Opferverbands verteilten die Behinderten vor Kölner Geschäften mit Parfümverkauf Flugblätter, auf denen sie Kunden zum Boykott von Parfüms wie 4711, Tosca und Nonchalance sowie von Waschmitteln aufforderten. Die Opfer verlangen von Grünenthal acht Milliarden Euro Entschädigung. dpa
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Beitrag Verfasst: Samstag 7. August 2010, 08:07 
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Forderung nach angemessener Entschädigung für Contergan-Opfer

53 Jahre nach der Markteinführung des Beruhigungs- und Schlafmittels Contergan ruft der Bundesverband Contergangeschädigter und Grünenthalopfer e.V. zu einer bundesweiten Kampagne zum Boykott auf. Die Aktion richtet sich gegen die Unternehmerfamilie Wirtz, zu der der frühere Conterganhersteller Grünenthal und die Dalli-Gruppe gehören, die Waschmittel und Kosmetika herstellt. Karola Stange, behindertenpolitische Sprecherin der Fraktion Die LINKE im Thüringer Landtag, erklärt sich mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Kampagne solidarisch.

“Bis heute haben die rund 2.700 noch lebenden Conterganopfer keine gerechte Entschädigung erhalten. Statt eines Lebens in Selbstbestimmung und Würde erfahren sie neben den körperlichen Schmerzen Demütigungen, Ausgrenzung und Armut”, so Stange.

Die Kampagne sei die Bekräftigung eines seit drei Jahren existierenden Boykottaufrufs. Bei dem Versuch, gerichtlich dagegen vorzugehen, war die Dalli-Gruppe im vergangenen Jahr gescheitert. Das Schlafmittel Contergan der Firma Grünenthal hatte Ende der 50er Jahre einen der größten Arzneimittelskandale in der deutschen Geschichte ausgelöst. Nach Angaben des Bundesverbandes Contergangeschädigter gibt es in Thüringen unter den Betroffenen auch anerkannte Fälle in Erfurt und Gera.

“Die durch den Protest der Betroffenen in den Jahren 2008 und 2009 erkämpften Verbesserungen des Conterganstiftungsgesetzes können nur erste Schritte sein, keine abschließende Lösung. Die bisherigen Bundesregierungen sind ihrer Verantwortung gegenüber den Conterganopfern und ihren Angehörigen nicht nachgekommen, die sie 1972 mit Abschluss des so genannten Vergleichs mit der Verursacherfirma Grünenthal übernommen haben”, sagt die LINKE Politikerin. Die Conterganstiftung zahlte nach eigenen Angaben bis Ende 2008 rund 460 Millionen Euro Rentenleistungen aus. Mit rund 100 Millionen Euro kommt nur ein Teil von dem ehemaligen Unternehmen Grünenthal. Der Rest sind Steuermittel.

“DIE LINKE in Thüringen unterstützt die bundesweite Kampagne und wird sich für schnelle und spürbare Verbesserungen der Lebenssituation der Conterganopfer und aller anderen Menschen mit Behinderungen einsetzen”, so Stange abschließend.

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Beitrag Verfasst: Sonntag 8. August 2010, 21:34 
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Nackte Wahrheit der Contergan-Opfer
Dokumentation: In »NoBody's Perfect« kann niemand an den kurzen Armen und Beinen der Betroffenen vorbeisehen
Köln Niko von Glasow wollte diesen Film nicht machen. Bisherigen ist er auf Distanz zu den »Contis« gegangen. Seine Frau redete Klartext: »Es wird Zeit, dass Du dem Teufel in den Hintern guckst.« Und da hat der Contergan-geschädigte Regisseur ihn gemacht, den Dokumentarfilm »NoBody's Perfect« über Contergan-Opfer. Die ARD zeigt den mehrfach ausgezeichneten Kinofilm am Dienstag.
Papa, warum gehst Du mit mir nicht ins Schwimmbad?«, fragt Sohn Mandel ihn in dem Film. Die Menschen im Bad »glotzen« auf die kurzen Arme, das sei ihm unangenehm. Er erkennt, dass er seine Behinderung immer verdrängt hat und entscheidet sich zur Radikalkur. Von Glasow überredet elf behinderte Mitstreiter, sich für einen Kalender fotografieren zu lassen, nackt. Tatsächlich, man glotzt als Zuschauer auf die kurzen Arme und Beine, guckt und sieht - nackte Menschen: verschämt, ausgelassen, erotisch, ängstlich, in sich ruhend.
Dieser Film ist bedrückend: »Hast Du schon mal an Selbstmord gedacht?«, fragt von Glasow den Freund aus früheren Schultagen, Andreas Meyer. Der Mann im Rollstuhl antwortet mit einem knappen, bitteren »Ja«. Das Schweigen danach dauert unerträglich lang. Der Film macht bescheiden. »Ich hätte gerne mal lange Arme, um die Hände in die Hosentasche zu stecken«, sagt Sozialarbeiterin Sofia Plich.
Der Film hat bissigen Humor: Etwa wenn der britische Schauspieler Matt Fraser mit dem Geld aus dem Kalender-Projekt ein »Contergan-Klo« kaufen möchte, für Menschen mit kurzen Armen wie er. »Nach dem Schiss bleibst du sitzen. Das Wasser spült hoch und duscht Dir den A****, dann wirst Du gefönt.« Der Film ist unzensiert ehrlich: »Die (Grünenthal-Eigentümer) haben die Menschen über die Klinge springen lassen, um Geld zu verdienen«, sagt Meyer. Das Pharmaunternehmen Grünenthal, im Besitz der Familie Wirtz, brachte das Schlafmittel Contergan 1957 auf den Markt - eine Warnung vor Nebenwirkungen besonders bei Schwangeren gab es nicht. Die verheerenden Folgen: Der Wirkstoff Thalidomid störte den Wachstumsprozess vieler Ungeborener, weltweit kamen etwa 10 000 Kinder mit körperlichen Missbildungen - meist kurzen Armen und Beinen - auf die Welt. Der Wirtz-Clan weiß, welcher Film in der ARD läuft. Von Glasow hat den Gesellschaftern eine DVD geschickt, verbunden mit der Einladung zum Gespräch. Passiert ist nichts: Keine Kontaktaufnahme, keine Erklärung, keine Klage. Die Ausstrahlung des Contergan-Spielfilms »Eine einzige Tablette« vor drei Jahren hatte Grünenthal vor Gericht erbittert bekämpft - ohne Erfolg.
»NoBody's Perfect« ist weltweit in den Kinos gelaufen, auf Festivals, jetzt ist das Fernsehen dran. Irgendwann wird er mit dem Wirtz-Clan sprechen, ist von Glasow sicher. »Ich glaube, dass die Familie Wirtz sehr leidet und ihr Leid an Enkel und Urenkel weitervererbt.« Zur Vergebung gehört seiner Meinung nach Buße, also eine Entschädigung - mehr als die bislang vereinbarten Renten.
Elke Silberer (dpa)

»NoBody's Perfect«, Dienstag,
10. August, 22.45 Uhr, ARD

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Beitrag Verfasst: Mittwoch 11. August 2010, 07:15 
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11.08.2010 - 06:06
Volles Haus beim Solidaritätsfest Contergangeschädigter.


Sinzig (kobinet) Im Sinziger Schloss herrschte gestern Abend beim Solidaritätsfest für Contergangeschädigte anlässlich der Erstausstrahlung des Films "NoBody's Perfect" im deutschen Fernsehen volles Haus. Dabei wurde die Forderung nach einer Entschuldigung der Bundesregierung und einer angemessenen Entschädigung der Contergangeschädigten durch die Firma Grünenthal bekräftigt.

Die von Bianca Vogel initiierte und ausgezeichnet moderierte Solidaritätsveranstaltung fand breiten Anklang in der Politik, bei den Darstellern des Films und den VertreterInnen der Verbände, die sich für eine angemessene Entschädigung der contergangeschädigten Menschen stark machen, so dass über 100 Menschen ins Sinziger Schloss gekommen waren. Der Sinziger Bürgermeister Wolfgang Kroege hatte durch seine Unterstützung nicht nur die Türen zum Sinziger Schloss geöffnet, sondern auch in seinem Grußwort Klartext gesprochen, dass eine adäquate Entschädigung der Conterganopfer nötig sei. Andreas Meyer aus Köln zeichnete die Geschichte des Contergan-Skandals nach und zeigte dabei die konsequente Weigerung der Firma Grünenthal auf, für eine angemessene Entschädigung der Contergangeschädigten zu sorgen. Er selbst musste sein Jurastudium aufgrund der fortschreitenden Schäden und mangelnder Hilfen abbrechen.

Der Landesbehindertenbeauftragte von Rheinland-Pfalz dankte den vielen contergangeschädigten Menschen für deren Engagement in der Behindertenpolitik und deren Wirken für den Bewusstseinswandel über Behinderung in der Bevölkerung der Film von Nico von Glasow "NoBody's Perfect", der gestern Abend um 22.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt wurde, habe dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

Claudia Schmidt-Herterich von der ICTA verwies in ihrer Rede nicht nur auf die Beispiele anderer Länder, in denen die finanzielle Entschädigung und Absicherung der Contergangeschädigten wesentlich besser geregelt sei, sondern machte auch deutlich, dass Deutschland das Armenhaus Europas sei, wenn es darum gehe, contergangeschädigte Menschen adäquat für ihre Nachteile zu entschädigen. Eine Entschuldigung der Bundesregierung und die Übernahme der Verantwortung mit einer entsprechenden Entschädigung durch die Firma Grünenthal sei dabei das mindeste. cm



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Beitrag Verfasst: Donnerstag 12. August 2010, 12:32 
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soester-anzeiger
10.08.10
Nackte Tatsachen


SOEST ▪ „Wir müssen uns nicht schämen“, sagt Wolfgang Schasse. „Wir brauchen uns auch nicht zu verstecken.“ Der Soester ist ein Contergan-Opfer. Er hebt hervor: „Wir sind schließlich ganz normale Menschen, wir sehen nur anders aus.“
Der Soester Wolfgang Schasse setzt sich für die Belange contergangeschädigter Menschen ein.
Warum also sollten Männer und Frauen mit verstümmelten Gliedmaßen, mit einem deformierten Körper, nicht als Aktmodell vor der Kamera stehen, um ein Stück Unvollkommenheit des Lebens zu zeigen? Warum also nicht nackte Tatsachen sprechen lassen? Am heutigen Montag, 22.45 Uhr sitzt der 48-Jährige vor dem Fernseher und schaute sich die Dokumentation „NoBody's Perfect“ an – ein Film, den er vor gut zwei Jahren schon nach Soest geholt hatte. Im Kino des Bürgerzentrums sahen damals gut siebzig Besucher das Projekt des Regisseurs Niko von Glasow, der auf die Suche nach Männern und Frauen ging, die trotz ihrer Behinderung bereit waren, sich für einen Kalender ablichten zu lassen.

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Beitrag Verfasst: Donnerstag 19. August 2010, 08:19 
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„Ich bin ein typischer Conti“
Von Winfried Beckmann
Ostercappeln.
So hört sich vermutlich himmlische Ruhe an. Selbst ein Trecker, der auf dem angrenzenden Acker letzte Dienste leistet, kann die Idylle bei spätsommerlicher Sonne nicht stören. Geschweige das Surren elektrobetriebener Carts, die sich frei von Verkehrsregeln über die 18-Loch-Anlage beim Golfclub Varus bewegen. Es sieht aus wie an fast jedem Turniertag. Das betonen und wollen die 59 Golfer, die auf dem beschaulichen Flecken Erde in Ostercappeln nahe der historischen Stätte der Varus-Schlacht über das satte Grün ziehen bei den deutschen Meisterschaften der Behinderten.


„Nicht sabbeln“, entfährt es Kai Sehmer, wenn um ihn herum lauter geflüstert wird. Die Frohnatur aus Wolfsburg hat sichtlich Spaß beim Golf, was für ihn Inhalt in einem Leben mit langem Schatten ist, denn Kai leidet unter dem Down-Syndrom. Ein Handicap, mit dem er längst leben gelernt hat. Sonst würde er nicht so lebensfroh zum Schläger greifen, konzentriert den Ball einlochen und den Daumen stolz hoch recken, wenn er lächelnd in die Kamera des Fotografen blickt. Natürlich an der Seite seiner Mama, die Mama auch im Erwachsenenalter geblieben und immer dabei ist, wenn Sohnemann ein Stück Lebensqualität in seiner Welt bei der Faszination Golfsport sucht und findet.

Anders und doch nicht anders Heinz Barnbeck aus Bremen-Lilienthal, der sieht, wie ihn andere angucken. Nicht erst seit gestern, sondern seit der Geburt, und deshalb von sich frei weg vor möglichen bohrenden Fragen sagt: „Ich bin ein typischer Conti.“ Ein typischer Conti heißt, Contergan-geschädigt und typisch, weil er vor 59 Jahren zur Welt kam, als Schwangeren das folgenschwere Medikament verabreicht wurde. Warum gerade Golf mit extrem kurzen Armansätzen und kleineren Händen? „Ich habe einen Sport gesucht, den man auch betreiben kann, wenn man älter wird, und der mich auch geistig beansprucht“, erzählt der Olympiasieger und Ex-Weltmeister im Schwimmen, der Ehrgeiz und Konzentration aus dem Wasser mitgenommen hat auf das Grün und gar nicht abwarten kann, den nächsten Schlag zu landen.

Das geht auch Jens Maspfuhl aus Friedberg so, der seinen Titel bei den Rollstuhlfahrern „gerne verteidigen will“. Er fährt fest angeschnallt den Paragolfer aus der Sitz- in die Standposition per Knopfdruck hoch, reguliert die Haltung durch Technik und nimmt dann Maß. Zufrieden? Nicht ganz, denn der 44-Jährige weiß, wie gut er früher gespielt hat mit Handicap 8. Bis zu jenem Tag, an dem er im Golf-Urlaub in Thailand als Fußgänger auf dem Weg zum Golfplatz von einem Auto angefahren wurde. Seitdem ist er bis zum unteren Halswirbel gelähmt, meistert aber sein Leben und seinen Golfsport. Sein Bekenntnis: „Alles bestens.“

Über die Anlage fahren lässt sich Ashok Khanna aus Bremen-Lilienthal. Ob es ihn störe, wenn ein Foto von ihm gemacht würde? „Nein, ich sehe den Fotografen ja doch nicht“, antwortet er kurz und trocken, weil er um sein Handicap als Blinder und Beinamputierter weiß. Mit Humor lebt auch Bernd Walsch aus Berlin. Als sich der Start am Morgen verzögert, weil Nebel über der Anlage liegt und die Sicht nicht ausreicht, gesteht er: „Nebel stört mich nicht.“ Walsch ist erblindet, lässt sich vor jedem Schlag zur passenden Stellung lenken, um dann Ballgefühl zu beweisen.

Auch er wird über die Anlage gefahren wie viele, für die Golf mehr als Sport ist. Nur gut, dass der Golfclub Varus bahnbrechend bereit war, die DM der Behinderten auszurichten, als andere Klubs noch zurückhaltend waren, jetzt mit Manager Bernd Harras zum dritten Mal. Von Jahr zu Jahr kamen 20 Prozent mehr. In rund 700 Golfclubs in Deutschland sieht Verbands-Spielleiter Elmar Vedovelli etliche Hundert mehr, die für das Erlebnis zu gewinnen seien. Egal, ob sie den Titel wie Marie Luise Deubl (Bad Tölz) und Reinhard Friske (Hamburg) holen oder nur dabei sind und sein dürfen, wie sie sind.

Quelle
Quelle berichtigt,da Seite umgezogen ist,
einen Dank an Henning für den Hinweis

  
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