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Beitrag Verfasst: Dienstag 1. November 2011, 08:17 
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In diesem Thread findet Ihr Presseberichte vom November 2011 ,
rund um Behinderung und Contergan.
Eure Kommentare könnt Ihr hier/klick reinschreiben.

  


Beitrag Verfasst: Mittwoch 2. November 2011, 18:36 
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Mediziner: Behinderte sind oft Patienten 2. Klasse
02.11.2011, 16:33 Uhr

Mediziner und weitere Experten berieten beim 15. Fachforum der Stiftung Alsterdorf in Hamburg über die Versorgung behinderter Menschen.

Hamburg. Das Gesundheitswesen ist auf die Behandlung behinderter Menschen nicht angemessen eingestellt. Zu diesem Schluss kamen Mediziner und weitere Experten auf dem 15. Fachforum der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg. Behinderte seien oft Patienten zweiter Klasse: Vor allem das Regelversorgungssystem könne ihre besonderen Handicaps nicht ausreichend berücksichtigen, sagte Michael Seidel, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Die meisten Mitarbeiter von Arztpraxen und Krankenhäusern wären bei der Behandlung von Patienten mit Behinderung einfach überfordert. Das hätte bei allen eine größere Verunsicherung und Stresseinwirkung zur Folge.

Dem medizinischen Personal mangele es oft an Kenntnissen und Handlungskompetenz. Die Kommunikation klappe weder mit den Patienten noch mit ihren Angehörigen oder Betreuern. Auch die Zeit für eine notwendige intensivere Untersuchung sei meist nicht vorhanden. Selbst die Räumlichkeiten seien nur in den wenigsten Fällen auf die Bedürfnisse Behinderter zugeschnitten. „Wir haben zwar einen Fahrstuhl, aber unsere Türen sind für Rollstühle doch zu eng,“ sagte der in Hamburg niedergelassene Internist Gerd Freytag. Ein Umbau, für dessen Kosten er selbst aufkommen müsste, sei finanziell unmöglich. Eine Änderung im ambulanten Bereich sehe er nicht, solange sich die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht änderten.

Verbesserungen seien dringend erforderlich, so das Ergebnis des Fachforums. Mindestens Teillösungen müssten angestrebt werden. Dazu zählten spezielle Weiterbildungen und besseres Sprachvermögen der Mediziner. Auch die Einrichtung regionaler Spezialzentren für Behinderte seien wünschenswert. Sie müssten eng mit ambulanten Einrichtungen zusammenarbeiten. Dafür gebe es bereits Ansätze, wie etwa die Einrichtungen der Ev. Stiftung Alsterdorf. Meist fehle allerdings Geld: "Wir müssen da gemeinsam mehr Druck machen“, sagte Ingrid Körner, Hamburger Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen: "Von alleine geht da gar nichts." (epd/abendblatt.de)

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Beitrag Verfasst: Montag 14. November 2011, 08:03 
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Contergan im Fokus


Meldungen | 13. November 2011 |
TRIER. Bis zum 19. November zeigt die Mayersche Interbook ab morgen die Ausstellung “NoBody’s Perfect” mit großformatigen Bildern Contergan-Geschädigter.

Bei der Präsentation am Mittwoch um 20.15 Uhr wird Bianca Vogel, zweifache Weltmeisterin im Dressurreiten und eines der Models, dabei sein. Außerdem werden Claudia Schmidt-Herterich, Sprecherin des Internationalen Contergan Verbandes ICTA, und Udo Herterich, 1. Vorsitzender des Landesverbands
Contergangeschädigter NRW, nach Trier kommen.

Niko von Glasow wurde im Mutterleib durch das Medikament Contergan geschädigt. Für seinen Dokumentarfilm “NoBody’s Perfect” suchte der Filmemacher elf Personen, die dieses Schicksal mit ihm teilen und genau wie er selbst den Mut hatten, ihren Körper in vollkommener Nacktheit für einen Bildband fotografieren zu lassen. Damit gibt er denen, die im Alltag mehr oder weniger versteckte Blicke auf Menschen mit Körperbehinderungen werfen, die Möglichkeit zum Hinschauen. Niko von Glasow traf auf elf mutige und außergewöhnliche Persönlichkeiten aus Berufsbereichen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dennoch verbindet diese Menschen ein und dasselbe Schicksal: Sie sind “Conterganmenschen” und durch ein Produkt der Pharmaindustrie dazu verurteilt, mit ihren Behinderungen zu leben.

Das Thema “Contergan” ist gerade in diesen Tagen von aktueller Bedeutung, weil vor genau 50 Jahren dieses Medikament vom Markt genommen wurde, nachdem es Tausende das Leben kostete und bei anderen zum Teil schwerste Beeinträchtigungen verursachte. Dieses Datum wird von verschiedenen Interessenverbänden zum Anlass genommen, über öffentlichen Druck die Firma Grünenthal zur Zahlung einer angemessenen Entschädigung an die Opfer zu verpflichten. Ende November wird eine entsprechende Petition in Berlin überreicht.
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Beitrag Verfasst: Montag 14. November 2011, 08:05 
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«Der Spiegel» hat ihn auch schon mit Bill Clinton verglichen
Von Jürg Ackermann.


Christian Lohr ist ein Contergan-Opfer. Jetzt rückt der Thurgauer CVP-Politiker in den Nationalrat nach.

Der rechte Fuss ist so etwas wie Christian Lohrs wichtigstes Werkzeug: Mit ihm schreibt er auf dem Computer und mit Kugelschreiber, mit ihm fasst er Gabel und Löffel, mit ihm gibt er dem Besucher die Hand und nimmt – so wie gestern – Gratulationen entgegen. Lange hatte der 49-Jährige Kreuzlinger auf diesen Moment gewartet. Vor acht Jahren trennten ihn 16 Stimmen vom Sprung nach Bern, 2007 und 2011 landete er jeweils hinter Brigitte Häberli auf dem ersten Ersatzplatz der Thurgauer CVP-Liste. Nun rückt er für die frisch gewählte Ständerätin in den Nationalrat nach.

«Ich fühle mich erleichtert und dankbar», sagt Lohr. Etwas anderes als Optimismus hätte man von ihm auch gar nicht erwartet. Schon 2009 erwähnte ihn «Der Spiegel» in einem Artikel neben Bill Clinton und Nelson Mandela: Lohr sei ein Beispiel dafür, dass Menschen trotz grosser Hindernisse am Start ihres Lebens – bei Clinton der trinkende Stiefvater, bei Lohr die starke Behinderung – vieles gelingen könne, weil sie sich dank ihrer Widerstandskraft zu leistungsfähigen und zuversichtlichen Erwachsenen entwickelten.

Vernetzt in der Sportszene

Lohr hatte schon früh gelernt, zu kämpfen – und zu akzeptieren, was sich nicht mehr ändern liess. Seine Mutter erhielt 1962 während der Schwangerschaft ein Medikament gegen Keuchhusten, das Lohrs Leben für immer beeinträchtigen sollte. Der Wirkstoff Thalidomid, der vor allem im Beruhigungsmittel Contergan vorkam, führte zu einer schweren Behinderung. Lohr kam ohne Arme und mit missgebildeten, verkürzten Beinen auf die Welt. Damit teilte er ein Schicksal, das rund 10'000 Kinder weltweit zu Contergan-Opfern machte. Nur wenige traf es so hart wie Lohr.

Natürlich habe er sich als Kind gefragt, warum ausgerechnet ihn dieses Schicksal ereilt habe. «Die Behinderung war aber nie mein zentrales Lebensthema», sagt Lohr. Er hatte das Glück, dass er stets von Menschen umgeben war, die an ihn glaubten. Die Lehrer und Schulvorstände, die vor 40 Jahren den Mut hatten, ihn in einer normalen Klasse zu integrieren; vor allem auch seine Eltern, die ihn förderten und forderten; sein älterer Bruder, der ihn zu Festen, Freunden und auf den Fussballplatz mitnahm. Schon mit 6 Jahren stand für Lohr fest, dass er Sportreporter werden wollte. Mit 14 schrieb er den ersten Handballbericht für die lokale Zeitung, dann ging er aufs Gymnasium, studierte Volkswirtschaft. Heute arbeitet er als Journalist und Dozent. Seit zwölf Jahren sitzt er für die CVP im Thurgauer Grossen Rat, den er 2008 präsidierte.

Bestens vernetzt

Trotz seiner grossen politischen Erfahrung gingen ihm die letzten Wochen nahe. Denn am Schluss hatte sich der Thurgauer Ständeratswahlkampf auch um ihn gedreht, obwohl er gar nicht Kandidat war. Die Qualität der Thurgauer Vertretung würde sinken, falls Lohr auf der CVP-Liste nachrutsche, meinten Leserbriefschreiber. FDP-Kreise machten die Behinderung zum Thema, indem sie seine Eignung als Parlamentarier infrage stellten und so zur Wahl ihres letztlich chancenlosen Kandidaten Max Vögeli aufriefen.

«Wenn man solche Haltungen spürt, dann zeigt es, dass die Wahl eines Behinderten nach Bern umso nötiger ist», sagt Lohr, der schon in jungen Jahren den Wunsch verspürte, politisch aktiv zu sein und die Lebensumstände zu gestalten. Vor zwölf Jahren trat der Protestant der CVP bei. Christliche Werte sind Leitbild in seinem Leben; trotz seines sozialpolitischen Engagements sieht er sich in der politischen Mitte. Er ist bestens vernetzt – nicht nur in Behindertenverbänden, sondern vor allem in der Thurgauer Sportszene. Sein ausgebautes Netzwerk setzte er auch zur Mobilisierung für Brigitte Häberli und letztlich für seine Wahl ein.

Im Alltag auf Hilfe angewiesen

Die Familie steht ihm noch heute im Alltag zur Seite. Dass er nicht immer gleich schnell sei wie andere, habe auch Vorteile, sagt er, der mit seiner Freundin, eine Wienerin, seit fünf Jahren eine Fernbeziehung führt. «Ich habe gelernt, zuzuhören und geduldig zu sein.» Nach Marc F. Suter, der für die FDP zwischen 1991 und 2003 sowie 2007 im Nationalrat sass, ist Lohr der erste Nationalrat im Rollstuhl. Obwohl das Bundeshaus rollstuhlgängig ist, werden die Parlamentsdienste gefordert sein. Denn in gewissen Alltagssituationen ist der Thurgauer auf Hilfe angewiesen, beispielsweise beim Transportieren von Akten.

Auch die CVP werde sich jetzt wohl bewusst, dass sie «einen Exponenten aus der Behindertenszene» hätte, sagt Lohr, der seinen Lebensunterhalt ohne IV-Rente selber verdient und sich nicht gern in ein Schema pressen lässt. Missverständnisse muss er immer wieder aus dem Weg räumen. So befürwortet Lohr IV-Revisionen, die den Missbrauch bekämpfen. «Unter dem Missbrauch leiden die Behinderten, die wirklich auf eine Rente angewiesen sind, am meisten.» Der Kampf um Selbstbestimmung müssten die Behinderten jedoch immer wieder von neuem führen, auch wenn in der Schweiz schon einiges erreicht worden sei: «In kaum einem anderen Land der Welt können sich Menschen mit einem Handicap im öffentlichen Verkehr so gut bewegen.»

Gestern Sonntagmorgen hat Lohr in einer Kirche in Kreuzlingen in einem Dialoggottesdienst eine Predigt gehalten. Der Termin war Zufall. Er hat ihm geholfen, seine Nervosität ein paar Stunden vor dem Auszählen der Stimmen zu zügeln. Sein Lebensmotto («Haben Sie heute schon gelebt?») machte er auch zum Inhalt seiner Predigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2011, 18:31 Uhr

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Beitrag Verfasst: Montag 14. November 2011, 13:52 
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14. November 2011
Viele Conterganopfer kämpfen heute mit gesundheitlichen Folgeschäden


Berlin - Conterganopfer haben mit zunehmenden Alter immer mehr gesundheitliche Probleme infolge ihrer Behinderung. Ilonka Stebritz vom Bundesverband Contergangeschädigter hatte zum Beispiel bereits mehrere Bandscheibenvorfälle. Vor sechs Jahren sei sie frühverrentet worden und habe seitdem monatlich etwa 490 Euro weniger zur Verfügung, sagte sie der Nachrichtenagentur dapd. Gleichzeitig würden ihr, weil sie eben nicht mehr arbeite, bestimmte Leistungen verwehrt.

Der Contergan-Skandal war einer der größten Arzneimittelskandale in der Geschichte der BRD. Das Schlafmittel war am 27. November 1961 vom Markt genommen worden, nachdem Kinder, deren Mütter das Mittel genommen hatten, mit Fehlbildungen zur Welt gekommen waren.
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Beitrag Verfasst: Montag 14. November 2011, 18:40 
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"Kein Bittsteller mehr sein"
Münchner Conterganopfer kritisieren ungenügende Renten und zermürbende "Schikanen"

München (dapd). Die Opfer des Beruhigungsmittels Contergan haben täglich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Wenn sich Stephan Nuding als Betroffener in Rage redet, wird deutlich, dass nicht alle dieser Probleme physischer Natur sind. Er habe "nie einen Cent Schadenersatz erhalten", ruft Nuding in einem Münchner Cafe. "Alles was wir bekommen, sind Sozialleistungen und Almosen", sagt der 50 Jahre alte Historiker. Nuding und seinen Mitstreitern geht es einerseits um Gerechtigkeit - andererseits um alltägliche "Schikanen", denen die Geschädigten in ihrer offiziellen Rolle als Hilfsempfänger ausgesetzt sind.

Teilweise warteten Betroffene zwei Jahre um etwa eine geeignete Toilette von der Krankenversicherung genehmigt zu bekommen, berichtet Gihan Higasi. Auch Higasi, eine zierliche Frau, wird bei diesem Thema laut: "Wir sind keine Bittsteller", betont sie. "Es ist ein klarer Schaden aufgetreten, aber der Staat tut, als sei das Unglück vom Himmel gefallen", ärgert sich Higasi. Sie empfinde es als demütigend, um Hilfsmittel "betteln zu müssen".

Der eigentliche Ausgangspunkt für Higasis und Nudings Wut ist der Conterganskandal, der 1961 seinen Höhepunkt fand: Nach vier Jahren im Verkauf musste der Medikamentenhersteller Grünenthal das Beruhigungsmittel Contergan vom Markt nehmen. Es hatte Fehlbildungen bei mehreren tausend Säuglingen verursacht. Das "Jubiläum" der Rücknahme des Medikaments wollen die Geschädigten nun nutzen, um auf ihre Lage hinzuweisen.

Denn glaubt man Lilli Eben, der Sprecherin des Münchner Ortsverbandes der Contergangeschädigten, dann verschärft sich die Lage der Betroffenen zusehends. Einerseits litten die Conterganopfer mit wachsendem Alter unter einem starken Verschleiß ihres ungewöhnlich beanspruchten Gelenk- und Knochenapparates - sie selbst habe sieben Bandscheibenvorfälle gehabt, berichtet Eben. Viele Geschädigte müssten ihre Erwerbstätigkeit aufgeben, hätten sich aber nur geringe Rentenansprüche erarbeiten können.

Andererseits hätten die Krankenversicherungen ihr Vorgehen bei der Gewährung von Hilfsmitteln und an Pflegestufen gekoppelten Zuschüssen verschärft. "Alles muss auf dem Klageweg erstritten werden", betont Eben. Zugleich reichten die knappe Rente und Sozialleistungen bei weitem nicht, um die nötigen Hilfsmittel selber zu erstehen. Das Warten auf Hilfen "zermürbe" die Betroffenen.

Laut Nuding hat Deutschland bei der Versorgung der Conterganopfer besonderen Nachholbedarf: In Großbritannien, Schweden oder Italien erhielten die Geschädigten deutlich höhere garantierte Renten - und eine Entschuldigung der Arzneimittelkonzerne. In Deutschland müssen sich Opfer mit einer schmalen Conterganrente und der Hoffnung auf zusätzliche Unterstützung der Firma Grünenthal zufriedengeben.

Die Forderung der Geschädigten ist klar: Die Conterganrenten sollen erhöht werden, um ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Geld genug um zumindest eine Linderung zu erlauben, erwirtschafte das Pharmaunternehmen Grünenthal, sagt Stephan Nuding. Dieses solle zugleich endlich eine Schuld eingestehen: "Es gibt ein Verbrechen, einen Täter und Opfer. Es ist ein Skandal, dass sich die Firma als Almosengeber aufspielt", betont der 50-Jährige.

dapd

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Beitrag Verfasst: Montag 14. November 2011, 18:43 
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Contergan-Opfer: Versorgungslage schlechter

(dapd-nrw) | 14.11.2011, 16:06

München/Stolberg. Fünfzig Jahre nach dem Contergan-Skandal beklagen Opfer des Medikaments eine Verschlechterung ihrer Versorgungslage.
Die gesundheitliche Lage der Betroffenen verschlimmere sich mit dem Alter, zugleich hätten die Krankenversicherungen in den letzten Jahren ihr Vorgehen in Bezug auf die Gewährung von Hilfsmitteln «verschärft», sagte Bettina Ehrt vom Münchner Ortsverband der Contergangeschädigten am Montag in der bayerischen Landeshauptstadt. Die Münchner Betroffenen fordern eine Erhöhung der Conterganrenten und eine Verbesserung der medizinischen Versorgung.

Der Contergan-Skandal war einer der größten Arzneimittelskandale der Nachkriegsgeschichte. Das Schlafmittel war am 27. November 1961 vom Markt genommen worden, nachdem Kinder, deren Mütter das Mittel genommen hatten, mit Fehlbildungen zur Welt gekommen waren.

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Beitrag Verfasst: Dienstag 15. November 2011, 08:01 
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Politiker ohne Arme

14. November 2011 22:09; Akt: 14.11.2011 23:40 Print
«Bin ein Kämpfertyp»
von Andy D. Veraguth - Christian Lohr hat keine Arme. Seit Sonntag ist der Thurgauer Nationalrat für die CVP. Die Behinderung sei überhaupt kein Problem, sagt er.
Der Kreuzlinger Christian Lohr erbte seinen Nationalratssitz am Sonntag von Brigitte Häberli-Koller (CVP), die im zweiten Wahlgang Ständerätin wurde. Einen Nationalrat, der ohne Arme auskommen muss, gab es noch nie. Lohr kam als Contergan-geschädigtes Kind ohne Arme und mit missgebildeten, verkürzten Beinen zur Welt (siehe Box). Dank seiner «uneingeschränkten Leistungsfähigkeit», wie er sagt, und auch dank der Unterstützung seiner Familie, die nur einen Stock unter ihm wohnt, hat er Volkswirtschaft studiert und arbeitet als freischaffender Sportjournalist. «Ich bin ein Kämpfertyp.»

ls Christian Lohr zuhause von 20 Minuten besucht wird, sitzt er auf seinem Bürostuhl. Sein rechter Fuss, der immer ohne Socke ist, dient als multifunktionales «Werkzeug». Damit bedient er die Computermaus, nimmt den Hörer ab, blättert die Zeitung um oder bedient das iPhone. Ausserhalb seiner Wohnung ist er mit seinem elektrischen Rollstuhl unterwegs, den er selber steuern kann. «Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kann ich mich bestens fortbewegen», so Lohr.

Sehr gut verwurzelt ist er in der Sportwelt seines Kantons Thurgau. Er freut sich, im Parlament bei den sportpolitischen Themen mitzugestalten. «Um mein Leben zu meistern, braucht es Beharrlichkeit, diese entwickelt man im Leben», so Lohr. Abstimmen wird er im Parlament wohl mit seinem rechten Fuss. «Ich stehe ganz klar in der Mitte der CVP. Ich verfolge eine bürgerliche Politik, die aber ein gezieltes und bewusstes soziales Verständnis kennt.»

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Opfer des Wirkstoffs Thalidomid

Christian Lohrs ­Mutter nahm 1962 während der Schwangerschaft ein Medikament gegen Keuchhusten ein. Der Wirkstoff Thalidomid, der vor allem auch im Beruhigungsmittel Contergan vorkam, führte zu ­seiner schweren Behinderung. In der Schweiz hiess das entsprechende rezeptpflichtige Medikament Softenon und wurde von der Grü­nenthal GmbH von 1957 bis 1961 vertrieben. Rund 10 000 Kinder weltweit ­wurden Opfer des Wirkstoffs ­Thalidomid. So hart wie Christian Lohr traf es nur wenige.

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Beitrag Verfasst: Mittwoch 16. November 2011, 08:18 
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Besondere Menschen im Blickpunkt
50 Jahre ist es her, dass das Schlafmittel Contergan vom Markt genommen wurde. Die Folgen des Medikaments: Tausende Menschen mit teilweise schwersten körperlichen Behinderungen. Um an den Skandal zu erinnern, ist jetzt die Fotoreihe "Nobody\'s Perfect" in Trier zu sehen.
Trier. Niko von Glasow ist Dokumentarfilmer. Und er ist contergangeschädigt. 2008 drehte er einen Film, für den er den deutschen Filmpreis erhielt: "Nobody\'s perfect". Darin werden unterschiedlichste Lebensgeschichten von Menschen mit Contergan-Behinderungen gezeigt. Das Pendent zum Film ist eine Fotoreihe, die bis zum 19. November in der Mayerschen Buchhandlung in Trier geöffnet ist.
"Es sind dieselben Menschen wie im Film zu sehen. Sie wurden nackt abgelichtet und mit diversen Accessoires, die zu ihrem ganz persönlichen Leben gehören. Sehr ästhetische Fotos sind das", sagt Cornalia Rüffer, Kreisvorstandssprecherin des Bündnis 90/Die Grünen in Trier-Saarburg, und Contergan-Opfer Bianca Vogel. Sie ist die sowohl im Film als auch in der Ausstellung zu sehen ist, wurde das Projekt initiiert.

"Contergan, für viele Menschen ist das natürlich ein Stichwort. Mehr aber auch nicht", sagt Rüffer. "Wir wollen die Leute durch die Ausstellung direkt mit dem Thema konfrontieren. Nicht nur mit den Folgen des Skandals, sondern auch mit Verantwortung." Denn bis heute stehe eine Entschädigung seitens des verantwortlichen Konzerns aus. "Die Ausstellung in Trier ist eine wunderbare Möglichkeit, aufmerksam zu machen", sagt Rüffer.
Heute, 16. November, 20.15 Uhr, informieren Bianca Vogel und Aktivisten von Contergan-Interessensverbänden zum Thema Contergan sowie über die damals verantwortliche Firma Grünenthal und die Ausstellung. Der Eintritt ist frei. kne
Die Öffnungszeiten der Ausstellung richten sich nach denen der Buchhandlung. Neben den Fotos gibt es einen Infotisch zum Thema "Contergan" sowie eine "ruhige Ecke". Dort kann der Film "Nobody\'s perfect" zu bestimmten Zeiten angeschaut werden. Termine stehen auf einer Tafel in der Buchhandlung.

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Beitrag Verfasst: Mittwoch 16. November 2011, 16:17 
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Contergan: (K)ein Medikament wie jedes andere

Vor 50 Jahren wurde das verhängnisvolle Mittel mit dem Wirkstoff Thalidomid vom Markt genommen, doch wirklich weg war es nie. Heute wird Thalidomid etwa bei der Behandnlung von Krebs eingesetzt. von Antoinette Schwab

Am 15. November 1961, heute vor genau 50 Jahren, griff der Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz zum Telefonhörer und rief bei der Firma Grünenthal an. Er riskierte damit seine Karriere, doch ein Verdacht liess ihm keine Ruhe. Er vermutete, dass Contergan für Missbildungen bei Neugeborenen verantwortlich war.

Die Pharmafirma war zwar bereit, einen Warnhinweis in die Gebrauchsanleitung zu schreiben, doch erst als die Presse den Verdacht publik machte, zog sie das Medikament Ende November vom Markt zurück. Danach erst wurde das ganze Ausmass der Katastrophe sichtbar: 10000 bis 12000 schwerbehinderte Kinder, Kinder ohne Beine, ohne Arme, blinde Kinder, taube Kinder, Kinder mit verkümmerten Gelenken oder mit geschädigten inneren Organen. Contergan-Kinder.

Rezeptfrei erhältlich

Die Firma Grünenthal aus Stolberg bei Aachen hatte das Medikament 1957 auf den Markt gebracht und pries es als ungiftiges und gut verträgliches Schlafmittel, so gut verträglich, dass es auch schwangere Frauen nehmen könnten. Es wurde den schwangeren Frauen sogar empfohlen gegen die morgendliche Übelkeit. In Deutschland war es rezeptfrei erhältlich und wurde millionenfach verkauft. Die meisten Contergan-Kinder kamen denn auch in Deutschland zur Welt.

Deshalb trägt die Katastrophe den Namen, unter dem das Mittel in Deutschland vermarktet wurde: Contergan. Verkauft wurde es aber weltweit, in über 40 Ländern, unter verschiedenen Namen. In der Schweiz hiess es Softenon und war hier nur auf Rezept erhältlich. Nach offiziellen Angaben kamen in der Schweiz neun Kinder mit den typischen Behinderungen auf die Welt.

Neue Hoffnung

Während in Deutschland der Prozess gegen Grünenthal vorbereitet wurde, machte ein Arzt in Israel eine Entdeckung. Er gab einer Lepra-Patientin zur Beruhigung Contergan. Irgendwo hatte er noch Restbestände. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass gewisse Symptome, die häufig als Komplikation bei Lepra auftreten, zurückgingen.

Contergan beziehungsweise sein Wirkstoff Thalidomid startete eine zweite Karriere. Das Medikament wurde unter strengen Auflagen verteilt, doch in den von Lepra besonders betroffenen Ländern waren diese schwierig zu kontrollieren. Lange Distanzen zur Abgabestelle, Weitergabe an Bekannte, Analphabetismus. Und tragischerweise verwechselten manche Frauen den Warnhinweis, eine durchgestrichene schwangere Frau, und hielten es für ein Verhütungsmittel. Es gab wieder Contergan-Kinder.

Wahres Wundermittel

Dass Thalidomid eine sehr wirksame Substanz ist, hat es im Negativen bewiesen. Doch was bei schwangeren Frauen verhängnisvoll ist, kann an anderer Stelle erwünscht sein. Thalidomid hemmt das Wachstum von Gefässen, eine gesuchte Eigenschaft im Kampf gegen Krebs.

Leber- und Prostatakrebs, Lymphdrüsenkrebs, Leukämie, Lungen- und Nierenkrebs, Melanom und Hirntumor. Ab Anfang der 1990er-Jahre wurden alle möglichen Anwendungsgebiete von Thalidomid erforscht. Auch bei MS, Aids und rheumatoider Arthritis erhoffte man sich Erfolge, denn Thalidomid beeinflusst auch die körpereigene Immunabwehr. Und es heilt schmerzhafte Aphten in Mund, Rachen und Speiseröhre, die manchmal so schlimm sind, dass die Betroffenen nicht mehr essen, trinken und reden können.

Keine Sonderbewilligungen mehr

Bis im letzten Jahr war Thalidomid in der Schweiz nur mit einer Sonderbewilligung erhältlich, unter anderem für verschiedene Hautkrankheiten, Knochentuberkulose, Aphten, verschiedene Bluterkrankungen, Knochenmarkfibrose und für das Multiple Myelom, ebenfalls eine schwere Erkrankung des Knochenmarkes. Neu braucht es nun keine spezielle Bewilligung mehr.

Bis 2003 hat die Firma Grünenthal Thalidomid produziert und es allen, die es brauchten, gratis zur Verfügung gestellt. Heute ist der amerikanische Pharmariese Celgene der grösste Anbieter, natürlich nicht mehr gratis. Der Prozess gegen Grünenthal wurde seinerzeit mit einem Vergleich beendet. Ein Urteil gab es nie. Doch die Contergan-Katastrophe hat die Zulassungspraxis von Medikamenten weltweit entscheidend verändert.

TV-Tipp: Am Freitag, 25.11. 2011, um 21.45 und 23.30 Uhr zeigt die ARD den zweiteiligen Fernsehfilm «Contergan» aus dem Jahr 2006 in einer Wiederholung.
(az)

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Beitrag Verfasst: Montag 21. November 2011, 08:22 
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21.11.2011 - 06:29
Kampagne: Endlich Entschädigung wird gestartet

Berlin (kobinet) Die Contergan-Landesverbände Hamburg, Hessen und Berlin Brandenburg (AG50) laden aus Anlass des 50. Jahrestages der Marktrücknahme des Medikamentes Contergan gemeinsamen am 24. November um 11:00 Uhr zu einer Pressekonferenz in die Hessische Landesvertretung in Berlin ein. Diese bildet den Auftakt für ein dreitägiges Aktionswochenende unter dem Motto "5 vor 12 für Contergan-/Grünenthal-OPFER". Dabei wird vom 25. - 27.11. in Berlin die Kampagne "Endlich Entschädigung“ gestartet.

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Beitrag Verfasst: Montag 21. November 2011, 08:25 
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Contergan-Skandal
Entschuldigt hat sich keiner
Montag, 21. November 2011 09:50 - Von Ulli Kulke

Vor 50 Jahren kam der Contergan-Skandal ans Licht. Das Medikament verschwand vom Markt. Die Opfer leiden bis heute

Im Schneidersitz hat sie auf ihrem kleinen Sofa Platz genommen und erzählt über sich. Tanzlehrerin, Discjockey, Filmschauspielerin, alles hat sie gemacht, neben ihrem Beruf als Sozialarbeiterin. Was will man mehr vom Leben, könnte man denken, doch die Frage beantwortet sich von allein: Zwei Arme hätte Sigrid Kwella schon gern gehabt. Immer wieder im Laufe eines Tages muss sie mit den Zähnen greifen, beim Anziehen, beim Autoausladen und in anderen Situationen, in denen es mit den Handstummeln an der Schulter zu kompliziert wird. Oder zu anstrengend. "Prothesen können Sie vergessen, habe ich alles ausprobiert, zu schwer, zu kompliziert."

Ihr Körper zeigt inzwischen starke Verschleißerscheinungen. Ein Leben ohne Arme ist nicht nur schwierig. Es ist vor allem verdammt anstrengend, geht auf Knochen und Gelenke - und ruiniert die Zähne. Dick darf Kwella nicht werden. Sonst wäre der Schwung dahin, mit dem sie immer wieder ihren ganzen Rumpf einsetzen muss, um das zu erledigen, was für die übrige Welt eine Handbewegung ist. Vom Pulloveranziehen über das Duschen bis zum Einstecken des Parkscheins in den zu hohen Automat. Und tausend weitere Herausforderungen des Alltags. "Ich habe schon zugenommen, seit ich vor Monaten mit dem Rauchen aufgehört habe", sagt sie. "Das geht eigentlich gar nicht." Eine Thrombose am Fuß, die anderen leichte Gehprobleme bereiten würde, machte sie zwei Monate lang vollends hilflos, weil sie ihre Zehen als Greifwerkzeuge braucht.

4000 Kinder kamen um das Jahr 1960 allein in Deutschland mit ähnlichen Behinderungen auf die Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft ein verhängnisvolles Schlafmittel ahnungslos geschluckt hatten: Contergan. Weltweit waren es an die 10 000. In Deutschland leben noch etwa 2380 von ihnen.
Fertig für die Rente - mit 50

Die Contergan-Kinder von einst, heute alle um die 50: Auffallend viele von ihnen haben sich in bessere Berufe durchgebissen, auffallend viele von ihnen machen trotz allem einen lebensfrohen Eindruck - doch die Contergan-"Kinder" von einst sind heute fertig. Fertig für die Rente. "Länger als 25 Jahre können Sie als Conti nicht arbeiten", sagt Kwella.

Fast alle beschleicht, da sie nun vor ihrer Rente stehen, das Gefühl: Jetzt fangen die Probleme erst richtig an. 50 Jahre nachdem die "Welt am Sonntag" (siehe Ausriss) mit ihrem Artikel vom 26. November 1961 das ganze Drama, das hinter einer vermeintlich harmlosen Schlaftablette lag, und damit auch den größten Arzneimittelskandal der Nachkriegszeit an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Schwacher Trost für die Betroffenen: Der Skandal um die "Missgeburten", wie es damals zynischerweise hieß, führte dazu, dass die Bundesrepublik ihr erstes nennenswertes Arzneimittelrecht erhielt. Es war 1960, als Sigrid Kwella die Chance auf zwei gesunde Arme verlor. Als ihre Mutter damals zum Winteranfang schwanger wurde, war die Werbung für ein Wundermittel der Medizin allgegenwärtig: "Ein Augenblick voll Harmonie lässt uns wünschen, dass die Sekunde sich dehnt. Doch zumeist bleibt es Augenblick und flüchtiger Wunsch, denn die Unruhe, dem Geiste einst dienstbar, beherrscht uns und treibt uns umher. Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan. Dieses gefahrlose Medikament belastet den Leberstoffwechsel nicht, beeinflusst weder den Blutdruck noch den Kreislauf und wird auch von empfindlichen Patienten gut vertragen. Schlaf und Ruhe: Contergan, Contergan forte." In Zeitungsanzeigen war dies damals zu lesen, in Aushängen und Broschüren. Der Hersteller Grünenthal fand besondere Zielgruppen: Kinder sollte das Medikament vor dem Bettnässen bewahren, dafür war es auch als süßer Saft erhältlich. Und vor allem Schwangeren würde es einen angenehmen Schlaf ermöglichen, lasen die angehenden Mütter auf Handzetteln beim Frauenarzt. Contergan, 1957 auf den Markt gekommen, war damals der am meisten verkaufte Tranquilizer, wurde in insgesamt 46 Ländern rund um den Globus vermarktet, es galt als "Schlafmittel des Jahrhunderts". Der Wunderwirkstoff, der in dem Wundermittel steckte: Thalidomid, ein Mitte der 50er-Jahre von Grünenthal entwickeltes Barbiturat.

Kinder- und Frauenärzte waren damals angetan von Contergan. Auch der Neurologe Horst Frenkel, damals in Königstein im Taunus in der edlen Privatklinik Dr. Amelung angestellt, hatte sein besonderes Augenmerk auf das Medikament gelegt, etwa seit Mitte 1960. Frenkel und seine Kollegen hegten einen ganz bestimmten Verdacht. An die Dutzend Patienten klagten über heftige Probleme: Wadenkrämpfe, Zuckungen, rasches Ermüden, hohe Schmerzempfindlichkeit und sogar Sprachstörungen. Nach und nach stellte sich heraus, dass sie alle seit Monaten regelmäßig Contergan eingenommen hatten. Als Frenkel ihnen die Tablettenröllchen vom Nachtisch nahm, verbesserte sich ihre Situation zügig. Ein Jahr lang beobachtete Frenkel nun bei neuen Patienten mit ähnlich multiplen Beschwerden immer wieder einen Zusammenhang mit der vorherigen Einnahme von Contergan. Kollegen anderer Kliniken machten ähnliche Erfahrungen. Frenkel sah die Zeit gekommen, seine Erkenntnisse an die Öffentlichkeit zu bringen, er schrieb einen Beitrag für die "Medizinische Welt", reichte ihn im September 1960 bei der Redaktion ein.

Doch die Veröffentlichung verzögerte sich. Der Arzt berichtete später von einem Besuch von Vertretern des Herstellers Grünenthal, die ihn mit eindrucksvollen Untersuchungsergebnissen von der Publikation abhalten wollten: Protokolle von Tierversuchen mit Contergan legten sie Frenkel auf den Tisch, auch klinische Tests - allesamt ohne Nebenwirkungen. Frenkel war verunsichert. Doch stellte sich heraus, dass diese Versuche nur kurze Zeit gelaufen waren.

Im Mai 1961, acht Monate später, erschien der Beitrag dann doch. Umgehend fand sich eine ganze Reihe von Ärzten, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Aussagen in Grünenthals Werbeprospekten, es handele sich um ein "ungiftiges Beruhigungs- und Schlafmittel", waren nun nicht mehr haltbar. Das war es dann aber auch schon, was Grünenthal zurückzuziehen bereit war. Stattdessen las man jetzt, es könne zu "Überempfindlichkeiten" kommen - mit dem relativierenden Zusatz: "wie bei nahezu allen Arzneimitteln". Von besonderen Auswirkungen auf menschliche Föten und Embryonen war zu dem Zeitpunkt noch nicht die Rede. Solche Untersuchungen sahen die gesetzlichen Bestimmungen noch nicht vor. Grünenthal-Sprecher Frank Schönrock sagt heute, dass sein Haus damals "stets verantwortlich und in Übereinstimmung mit den damals geltenden Industriestandards gehandelt" habe. Allerdings stellten Mediziner und Gesundheitsforscher in jenen Monaten einen bis dahin unbekannten Anstieg von Fehlbildungen bei Neugeborenen fest. Meist fehlten die Arme, und die ungewöhnlich geformten Hände wuchsen unmittelbar aus der Schulter heraus, hier und da fehlten auch die Beine. Ein Beitrag in der "Welt am Sonntag" vom 26. November 1961 war es schließlich, der dieses Phänomen mit dem "Schlafmittel des Jahrhunderts" in Verbindung brachte. Ein Redakteur war bei einer Vortragsveranstaltung in Düsseldorf, auf der Widukind Lenz, Arzt an der Hamburger Uniklinik, den Verdacht endlich öffentlich machte. Lenz warnte vor "einem Medikament", noch ohne Contergan beim Namen zu nennen, und erklärte, wie die "Welt am Sonntag" damals berichtete, "dass zwischen diesem Medikament und der in letzter Zeit sich häufenden Zahl von Missgeburten ein Zusammenhang besteht. Das Mittel muss sofort zurückgezogen werden." Das reichte, auch ohne Namensnennung. Bei Grünenthal wusste man, welches Medikament gemeint war. Am nächsten Tag war es vom Markt.
Leben ohne Arme

Im Oktober 1957 hatte Grünenthal das Schlafmittel Contergan auf den Markt gebracht. Im Oktober 1959 gingen, wie die Firma selbst einräumt, Meldungen über Nervenreizungen an Händen und Füßen nach der Einnahme von Contergan im Hause ein. Im September 1960 lag der Bericht des Neurologen Horst Frenkel über massive gesundheitliche Störungen durch Thalidomid druckfertig bei der "Medizinischen Welt", im Mai 1961 erst konnten ihn alle Ärzte lesen, im November endlich war der Zusammenhang zwischen der längst beobachteten Häufung von Fehlbildungen Neugeborener und Contergan in der medizinischen Öffentlichkeit. Für Sigrid Kwella waren dies die entscheidenden Verzögerungen, die ihr ein Dasein ohne Arme bescherten - und die ersten vier Lebensjahre im Heim einer Klinik. "Das ist heute noch ein Trauma für mich", sagt sie. "Hätte man die paar Monate früher gehandelt, wäre ich mit allen Gliedmaßen geboren", weiß sie - und mit ihr wohl mehrere Hundert weitere Betroffene.

Wer trägt die Schuld? Die Bundesvorsitzende der Contergangeschädigten, Margit Hudelmaier, sagt: "Grünenthal erklärt sich von jeder Schuld frei, und unsere Mütter fühlen sich schuldig, das kann es doch nicht sein." Immer wieder betont jeder einzelne der "Contis", wie Kwella selbst sagt, wie wichtig ihnen eine Entschuldigung des Konzerns wäre, fast mehr noch als die finanzielle Entschädigung. Grünenthal-Sprecher Schönrock sagt so viel: "Uns tut die Contergan-Tragödie unendlich leid - für die Betroffenen wie auch für deren Familien und besonders für die Mütter." Zu einer weitergehenden, einer förmlichen Bitte um Verzeihung ist man nicht bereit. Aus Bedenken vor juristischen Folgen?

Nachdem medizinisch und juristisch geklärt war, dass die Einnahme von Contergan während der Frühphase der Schwangerschaft für die fehlenden Gliedmaßen der Neugeborenen ursächlich war, kam es zum Prozess. Er zog sich hin bis zum Jahr 1970. Die Betroffenen werfen Grünenthal vor, ihn durch Verfahrenstricks absichtlich verzögert zu haben, in der Hoffnung, ihn bis über die Verjährungsfrist, die 1971 endete, hinauszuziehen. Da dieser Zeitpunkt drohte, hätten die Eltern auch den Vergleich, den ihnen das Gericht vorschlug, akzeptieren müssen, ansonsten wäre man womöglich ganz leer ausgegangen. Grünenthal sollte danach 100 Millionen Mark in einen Fonds einzahlen, aus dem die Opfer eine laufende Entschädigung erhalten würden, die Bundesregierung - wohl auch aus der Verantwortung für ein fehlendes hinreichendes Arzneimittelrecht - zahlte zwei Jahre später den selben Betrag ein, Grünenthal auch noch einmal 14 Millionen, der Fonds wurde in eine Stiftung umgewandelt. Man einigte sich.

Um Contergan, in den 60er- und 70er- Jahren der Inbegriff für einen Arzneimittelskandal, für die Schattenseiten des medizinischen Fortschritts, war es in den 80er- und 90er-Jahren stiller geworden. Die hilflosen Kinder der frühen Jahre waren nun Erwachsene, die sich mit ihrem Leben zunehmend arrangieren konnten, jedenfalls diejenigen, die berufstätig waren, die einen Partner als Pfleger um sich hatten, die ansonsten gesund blieben. Von ihren nach wie vor bestehenden Nöten körperlicher, sozialer und auch finanzieller Art war immer weniger die Rede. Bis 2007 ein neuer Prozess begann. Grünenthal klagte gegen die Ausstrahlung des TV-Zweiteilers "Eine einzige Tablette", der die ganze Geschichte noch einmal erzählte. Nach zwei Jahren und mehreren Instanzen lautete das Urteil: Der WDR durfte den Film ausstrahlen. "Was Besseres hätte uns nicht passieren können", freut sich Margit Hudelmaier, der Prozess hat das Thema noch einmal richtig öffentlich gemacht. Womöglich öffnete diese zweifelhafte PR auch die Taschen des Konzerns, dessen Eigentümerfamilie zu den 50 reichsten im Lande gehört. Noch einmal 50 Millionen Euro zahlte Grünenthal in die Stiftung ein. Daraus werden heute an die Betroffenen monatliche Zuschüsse, je nach Schwere der Behinderung, zwischen 250 und 1127 Euro überwiesen, sowie jährliche Einmalzahlungen zwischen 460 und 3680 Euro. Die Höchstsätze erhalten allerdings die wenigsten.
Auf Hilfe angewiesen

Die "Contis", die jetzt in Rente gehen, bezweifeln, dass sie damit klarkommen. Die Eltern, die all die Jahre halfen, den Alltag zu bewältigen, sind zunehmend selbst Pflegefälle, die Kinder gegebenenfalls aus dem Haus. Wer keinen Lebenspartner hat, ist auf bezahlte Hilfe angewiesen. Die staatlichen Rentenansprüche der Geschädigten sind aufgrund ihrer kurzen Lebensarbeitszeit kaum über Sozialhilfeniveau, viele öffentliche Zuschüsse zur Erleichterung des Alltags waren an die Berufstätigkeit gebunden, etwa der Umbau eines Autos für den täglichen Weg zur Arbeit. "Lenken mit dem linken Fuß, blinken mit dem rechten Knie, Scheibenwischer ein- und ausschalten mit der rechten Wade", wie es Hudelmaier erzählt, kann man wohl antrainieren, "aber wer sich sein Auto entsprechend umbauen lässt, zahlt mindestens 30 000 Euro dafür."

"Länger als 25 Jahre können Sie nicht arbeiten"

Sigrid Kwella, Contergangeschädigte

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Beitrag Verfasst: Montag 21. November 2011, 08:26 
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Und plötzlich saß ich im Rollstuhl“

Rheine. Auto fahren mit nur einem Bein - geht das überhaupt? Und ob! Hubert Bosse aus Mettingen, dem nach einem schweren Unfall 1994 das rechte Bein amputiert wurde, macht das seit über 15 Jahren. In dieser Zeit ist der heute 60-Jährige über 300000 Kilometer gefahren, unter anderem allein nach Berlin und Paris. „Aber leicht war das nicht. Ich musste hart trainieren, bis es so weit war“, blickt er zurück. Geholfen hat ihm dabei die Fahrschule Bünder. Sie widmet sich seit über 25 Jahren besonders Menschen mit körperlichen Behinderungen. „Angefangen hat das, als damals die ersten Opfer des Contergan-Skandals ihren Führerschein machen wollten“, erinnert sich Manfred Bünder. Das Beruhigungsmittel Contergan hatte Ende der fünfziger Jahre zu schweren Missbildungen bei tausenden von Neugeborenen geführt.


Bei einem Werkstattunfall hatte Busfahrer Hubert Bosse 1994 sein rechtes Bein verloren. „Ich war damals 43, leidenschaftlicher Autofahrer und hatte eigentlich noch viel vor. Und nun saß ich plötzlich im Rollstuhl“, erinnert er sich an diese schwere Zeit. Doch Hubert Bosse ließ sich nicht unterkriegen: Er ließ sein Auto behindertengerecht umbauen, schaffte sich einen zusammenklappbaren Rollstuhl an, und übte so lange das Ein- und Aussteigen mit Hilfe von Krücken, bis es schließlich klappte. „Dabei wird man erfinderisch. Den Fahrzeugschlüssel nehme ich beim Einsteigen immer in den Mund“, verrät er. Mit der zurückgewonnenen Mobilität kam auch der Lebensmut zurück: Hubert Bosse, leidenschaftlicher Fan des VfL Osnabrück, wurde Behindertenbeauftragter des VfL und gründeten einen eigenen Behinderten-Fanclub, die „Lila-weißen Rollifanten“. Die Anklänge an Ottos Waalkes „Ottifanten“ sind unübersehbar. „Der Otto ist heute Ehrenmitglied in unserem Club“, verrät Bosse stolz.

Unterstützung in allen Lebenslagen findet Hubert Bosse auch bei der Selbsthilfegruppe für arm- und beinamputierte Menschen Rheine. Hermann-Josef Wellen aus Rheine, seit 1999 selbst beinamputiert, hat die Gruppe 2007 gegründet. Heute hat sie 36 Mitglieder. Auch Wellen fährt ganz selbstverständlich Auto, auch längere Strecken. „Wir haben mit der Fahrschule Bünder eine sehr gute und verlässliche Zusammenarbeit“, lobt Wellen das besondere Engagement von Manfred Bünder.

Manfred Bünder kennt die besonderen Probleme behinderter Menschen beim Autofahren sehr gut. „Ob nach Herzinfarkt, Schlaganfall, Hüftoperation oder Amputation - wir haben ständig Anfragen von Menschen, die wissen wollen, ob sie überhaupt noch Auto fahren dürfen“, erzählt er. „Viele haben eine regelrechte Odyssee hinter sich, bevor sie zu uns kommen. Bei einem Beratungsgespräch können aber die meisten Probleme gelöst werden. Und die Zahl der Menschen, die mit einer Behinderung leben müssen, nimmt ja ständig zu.“

Aber wie steht es mit dem Unfallrisiko? Immer wieder machen Horrorgeschichten von Beinprothesen, die sich am Gaspedal verklemmen, die Runde. Bünder winkt ab. „Schnee von gestern. Es gibt heute Spezialfirmen, die Autos behindertengerecht und sicher umbauen. Menschen mit Behinderungen haben außerdem meistens ein gutes Gespür für ihre nachlassenden Fähigkeiten und fahren entsprechend vorsichtig.“

Manfred Bünder investiert viel Zeit - und auch Geld - für seine behinderte Klientel. In seinem Fahrzeugpark hält er auch umgebaute Fahrzeuge für behinderte Menschen bereit. Der Umbau so eines Wagens kostet oft 10000 Euro und mehr. Vor diesen Investitionen scheuen viele Fahrschulen zurück. „Wir sind eine der wenigen Fahrschulen in Deutschland, die solch einen Service anbieten“, so Bünder. Die Kunden kämen aus dem gesamten Kreis Steinfurt. Ein Geschäft lasse sich trotzdem damit nicht machen. „Die Fahrstunde kostet bei uns für alle das gleiche Geld - egal ob mit einem normalen oder einem behindertengerecht umgebauten Fahrzeug.“ Als Grund für sein besonderes Engagement gibt Bünder ein sehr persönliches Erlebnis mit einer behinderten jungen Frau an. „Die kam damals zu mir und sagte: ,Ich bin ja nichts mehr wert. Da hab ich gedacht: Da muss man was tun.“

http://www.ahlener-zeitung.de/lokales/kreis_steinfurt/rheine/1791729_Und_ploetzlich_sass_ich_im_Rollstuhl.html




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Beitrag Verfasst: Montag 21. November 2011, 08:31 
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Studie und Selbsthilfeprojekt in NRW: Contergan-Opfern wirksamer helfen

Von Stefanie Hallberg

In NRW leben 800 Contergangeschädigte. Mit steigendem Alter machen ihnen die Folgen ihrer Missbildungen täglich mehr zu schaffen. Ein Forschungsprojekt soll dazu beitragen, Betroffene besser zu behandeln und zu versorgen.

Auf den Rollstuhl angewiesen: Belastungen nehmen im Alter zu

Udo Herterich hat keine Beine. Die Füße sind eng an den Körper gewachsen und etwas nach innen gebogen. Er sitzt im Rollstuhl. Was für andere selbstverständlich ist, fällt Menschen wie ihm schwer: beispielsweise sich zu waschen und anzuziehen, zu kochen oder einzukaufen. Heute sind die Contergan-Opfer um die 50 Jahre alt. Zu den Problemen, den Alltag zu bewältigen, kommen Folgeschäden durch die körperliche Mehrbelastung hinzu, die das Leben mit missgebildeten Gliedmaßen oder Schäden an inneren Organen mit sich bringt. Das kann ein verschlissener Rücken sein, chronische Schmerzen, Existenzängste durch vorzeitige Erwerbsunfähigkeit oder soziale Probleme. Wie sich all das auf die Lebenssituation der Betroffenen auswirkt und was sie zu einer optimalen Versorgung brauchen, ist bislang wenig bekannt.
Bessere Konzepte zur Behandlung und Versorgung

"Wir brauchen endlich eine angemessene und am Bedarf der Geschädigten orientierte Unterstützung", sagte Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Sie hat am Montag (16.05.11) ein zweijähriges Forschungsprojekt vergeben, um die Langzeitauswirkungen der Behinderungen und die Spätschäden eingehend zu untersuchen. Ziel ist, neue und verbesserte Konzepte für die Behandlung und Versorgung der Betroffenen zu entwickeln.
Persönliches Gutachen für jeden Teilnehmer

Für die Studie sollen etwa 200 Contergangeschädigte aus NRW in der Doktor Becker Rhein-Sieg Klinik ausgiebig medizinisch und psychologisch untersucht werden. Die Klinik plant das erste Contergan Kompetenzzentrum bundesweit. Dort erhalten dann alle Studienteilnehmer ein persönliches medizinisches Gutachten für ihre weitere Behandlung. Bereits seit dem Jahr 2000 bietet der Chefarzt der Klinik, Klaus M. Peters, in Nürmbrecht eine Spezialsprechstunde für Betroffene an, die der Interessenverband Contergangeschädigter in NRW initiiert hat.
Betroffene loben Konzept

Deren Vorsitzender Herterich ist mehr als zufrieden, dass Gesundheitsministerin Steffens der Rhein-Sieg Klinik den Zuschlag gegeben hat. "Doktor Peters ist einer der wenigen Experten für Conterganschäden weltweit. Er hat schon mehr als 80 Betroffene behandelt, und es gab immer nur positive Rückmeldungen." Das sei wichtig, weil viele Contergangeschädigte negative Erfahrungen mit Ärzten gemacht hätten und sich oft als Studienobjekte fühlten. "Dieser Forschungsauftrag ist für uns alle ein Gewinn." Der Rösrather unterstrich, die Ministerin habe bei der Vergabe des europaweit ausgeschriebenen Auftrags den Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen Rechnung getragen. "Wir sind hier auf Augenhöhe verstanden worden - was bislang eine Ausnahme war." Behörden und Politiker hätten meist über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden.
Landesweites Netzwerk geplant

Der Interessenverband will nun gleichzeitig mit einem eigenen Projekt starten, das durch Gelder zweier Stiftungen gefördert wird. Es soll Contergangeschädigten die Teilnahme an dem Forschungsvorhaben ermöglichen, beispielsweise indem sie zu Terminen gefahren werden. In erster Linie soll aber allen Betroffenen Direkthilfe vor Ort angeboten werden. Das "Peer-To-Peer"-Projekt ist als Hilfe zur Selbsthilfe angelegt. Speziell geschulte Personen, die selbst durch Contergan geschädigt sind, unterstützen mit ihrem Wissen andere Betroffene wohnort- und lebensnah. Diese Peers helfen, geeignete Ärzte oder psychologische Betreuung zu finden. Sie beraten bei Rentenanträgen, Fragen häuslicher Pflege bis hin zur Verbesserung des Wohnumfelds. Innerhalb von zwei Jahren soll ein Netzwerk aus ehrenamtlichen Helfern, Ärzten, Krankenhäusern, Rehakliniken und Ansprechpartnern aller Art entstehen, die mit den speziellen Problemen Contergangeschädigter vertraut sind. Herterich erklärt: "So können viele von uns die Aufgaben und Hürden, Ängste und Probleme, die im Alter sicherlich zunehmend vor uns liegen, selbstbestimmt angehen."

http://www1.wdr.de/themen/archiv/sp_contergan/contergan100.html




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Beitrag Verfasst: Montag 21. November 2011, 08:33 
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Welt am Sonntag Autor: Ulli Kulke| 20.11.2011
50 Jahre nach dem Skandal

Im November 1961 deckte die "Welt am Sonntag" die fatale Wirkung des angeblich besonders harmlosen Medikaments Contergan auf

Das "Schlafmittel des Jahrhunderts" löste den größten Arzneimittelskandal aus

Die Betroffenen meinen, der Hersteller des Medikaments sei seiner Verantwortung nicht gerecht geworden

Im Schneidersitz hat sie auf ihrem kleinen Sofa Platz genommen und erzählt über sich. Tanzlehrerin, Discjockey, Filmschauspielerin, alles hat sie gemacht, neben ihrem Beruf als Sozialarbeiterin. Was will man mehr vom Leben, könnte man denken, doch die Frage beantwortet sich von allein: Zwei Arme hätte Sigrid Kwella schon gern gehabt.

Immer wieder im Laufe eines Tages muss sie mit den Zähnen greifen, beim Anziehen, beim Autoausladen und in anderen Situationen, in denen es mit den Handstummeln an der Schulter zu kompliziert wird. Oder zu anstrengend. "Prothesen können Sie vergessen, habe ich alles ausprobiert, zu schwer, zu kompliziert."

Ihr Körper zeigt inzwischen starke Verschleißerscheinungen. Ein Leben ohne Arme ist nicht nur schwierig. Es ist vor allem verdammt anstrengend, geht auf Knochen und Gelenke - und ruiniert die Zähne. Dick darf Kwella nicht werden. Sonst wäre der Schwung dahin, mit dem sie immer wieder ihren ganzen Rumpf einsetzen muss, um das zu erledigen, was für die übrige Welt eine Handbewegung ist. Vom Pulloveranziehen über das Duschen bis zum Einstecken des Parkscheins in den zu hohen Automat. Und tausend weitere Herausforderungen des Alltags. "Ich habe schon zugenommen, seit ich vor Monaten mit dem Rauchen aufgehört habe", sagt sie. "Das geht eigentlich gar nicht." Eine Thrombose am Fuß, die anderen leichte Gehprobleme bereiten würde, machte sie zwei Monate lang vollends hilflos, weil sie ihre Zehen als Greifwerkzeuge braucht.

4000 Kinder kamen um das Jahr 1960 allein in Deutschland mit ähnlichen Behinderungen auf die Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft ein verhängnisvolles Schlafmittel ahnungslos geschluckt hatten: Contergan. Weltweit waren es an die 10 000. In Deutschland leben noch etwa 2380 von ihnen.

Die Contergan-Kinder von einst, heute alle um die 50: Auffallend viele von ihnen haben sich in bessere Berufe durchgebissen, auffallend viele von ihnen machen trotz allem einen lebensfrohen Eindruck - doch die Contergan-"Kinder" von einst sind heute fertig. Fertig für die Rente. "Länger als 25 Jahre können Sie als Conti nicht arbeiten", sagt Kwella.

Fast alle beschleicht, da sie nun vor ihrer Rente stehen, das Gefühl: Jetzt fangen die Probleme erst richtig an. 50 Jahre nachdem die "Welt am Sonntag" (siehe Ausriss) mit ihrem Artikel vom 26. November 1961 das ganze Drama, das hinter einer vermeintlich harmlosen Schlaftablette lag, und damit auch den größten Arzneimittelskandal der Nachkriegszeit an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Schwacher Trost für die Betroffenen: Der Skandal um die "Mißgeburten", wie es damals zynischerweise hieß, führte dazu, dass die Bundesrepublik ihr erstes nennenswertes Arzneimittelrecht erhielt. Es war 1960, als Sigrid Kwella die Chance auf zwei gesunde Arme verlor. Als ihre Mutter damals zum Winteranfang schwanger wurde, war die Werbung für ein Wundermittel der Medizin allgegenwärtig: "Ein Augenblick voll Harmonie lässt uns wünschen, dass die Sekunde sich dehnt. Doch zumeist bleibt es Augenblick und flüchtiger Wunsch, denn die Unruhe, dem Geiste einst dienstbar, beherrscht uns und treibt uns umher. Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan. Dieses gefahrlose Medikament belastet den Leberstoffwechsel nicht, beeinflusst weder den Blutdruck noch den Kreislauf und wird auch von empfindlichen Patienten gut vertragen. Schlaf und Ruhe: Contergan, Contergan forte." In Zeitungsanzeigen war dies damals zu lesen, in Aushängen und Broschüren. Der Hersteller Grünenthal fand besondere Zielgruppen: Kinder sollte das Medikament vor dem Bettnässen bewahren, dafür war es auch als süßer Saft erhältlich. Und vor allem Schwangeren würde es einen angenehmen Schlaf ermöglichen, lasen die angehenden Mütter auf Handzetteln beim Frauenarzt. Contergan, 1957 auf den Markt gekommen, war damals der am meisten verkaufte Tranquilizer, wurde in insgesamt 46 Ländern rund um den Globus vermarktet, es galt als "Schlafmittel des Jahrhunderts". Der Wunderwirkstoff, der in dem Wundermittel steckte: Thalidomid, ein Mitte der 50er-Jahre von Grünenthal entwickeltes Barbiturat.

Kinder- und Frauenärzte waren damals angetan von Contergan. Auch der Neurologe Horst Frenkel, damals in Königstein im Taunus in der edlen Privatklinik Dr. Amelung angestellt, hatte sein besonderes Augenmerk auf das Medikament gelegt, etwa seit Mitte 1960. Frenkel und seine Kollegen hegten einen ganz bestimmten Verdacht. An die Dutzend Patienten klagten über heftige Probleme: Wadenkrämpfe, Zuckungen, rasches Ermüden, hohe Schmerzempfindlichkeit und sogar Sprachstörungen. Nach und nach stellte sich heraus, dass sie alle seit Monaten regelmäßig Contergan eingenommen hatten. Als Frenkel ihnen die Tablettenröllchen vom Nachtisch nahm, verbesserte sich ihre Situation zügig. Ein Jahr lang beobachtete Frenkel nun bei neuen Patienten mit ähnlich multiplen Beschwerden immer wieder einen Zusammenhang mit der vorherigen Einnahme von Contergan. Kollegen anderer Kliniken machten ähnliche Erfahrungen. Frenkel sah die Zeit gekommen, seine Erkenntnisse an die Öffentlichkeit zu bringen, er schrieb einen Beitrag für die "Medizinische Welt", reichte ihn im September 1960 bei der Redaktion ein.

Doch die Veröffentlichung verzögerte sich. Der Arzt berichtete später von einem Besuch von Vertretern des Herstellers Grünenthal, die ihn mit eindrucksvollen Untersuchungsergebnissen von der Publikation abhalten wollten: Protokolle von Tierversuchen mit Contergan legten sie Frenkel auf den Tisch, auch klinische Tests - allesamt ohne Nebenwirkungen. Frenkel war verunsichert. Doch stellte sich heraus, dass diese Versuche nur kurze Zeit gelaufen waren.

Im Mai 1961, acht Monate später, erschien der Beitrag dann doch. Umgehend fand sich eine ganze Reihe von Ärzten, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Aussagen in Grünenthals Werbeprospekten, es handele sich um ein "ungiftiges Beruhigungs- und Schlafmittel", waren nun nicht mehr haltbar. Das war es dann aber auch schon, was Grünenthal zurückzuziehen bereit war. Stattdessen las man jetzt, es könne zu "Überempfindlichkeiten" kommen - mit dem relativierenden Zusatz: "wie bei nahezu allen Arzneimitteln".

Von besonderen Auswirkungen auf menschliche Föten und Embryonen war zu dem Zeitpunkt noch nicht die Rede. Solche Untersuchungen sahen die gesetzlichen Bestimmungen noch nicht vor. Grünenthal-Sprecher Frank Schönrock sagt heute, dass sein Haus damals "stets verantwortlich und in Übereinstimmung mit den damals geltenden Industriestandards gehandelt" habe. Allerdings stellten Mediziner und Gesundheitsforscher in jenen Monaten einen bis dahin unbekannten Anstieg von Fehlbildungen bei Neugeborenen fest. Meist fehlten die Arme, und die ungewöhnlich geformten Hände wuchsen unmittelbar aus der Schulter heraus, hier und da fehlten auch die Beine. Ein Beitrag in der "Welt am Sonntag" vom 26. November 1961 war es schließlich, der dieses Phänomen mit dem "Schlafmittel des Jahrhunderts" in Verbindung brachte. Ein Redakteur war bei einer Vortragsveranstaltung in Düsseldorf, auf der Widukind Lenz, Arzt an der Hamburger Uniklinik, den Verdacht endlich öffentlich machte. Lenz warnte vor "einem Medikament", noch ohne Contergan beim Namen zu nennen, und erklärte, wie die "Welt am Sonntag" damals berichtete, "dass zwischen diesem Medikament und der in letzter Zeit sich häufenden Zahl von Missgeburten ein Zusammenhang besteht. Das Mittel muss sofort zurückgezogen werden."

Das reichte, auch ohne Namensnennung. Bei Grünenthal wusste man, welches Medikament gemeint war. Am nächsten Tag war es vom Markt.

Im Oktober 1957 hatte Grünenthal das Schlafmittel Contergan auf den Markt gebracht. Im Oktober 1959 gingen, wie die Firma selbst einräumt, Meldungen über Nervenreizungen an Händen und Füßen nach der Einnahme von Contergan im Hause ein. Im September 1960 lag der Bericht des Neurologen Horst Frenkel über massive gesundheitliche Störungen durch Thalidomid druckfertig bei der "Medizinischen Welt", im Mai 1961 erst konnten ihn alle Ärzte lesen, im November endlich war der Zusammenhang zwischen der längst beobachteten Häufung von Fehlbildungen Neugeborener und Contergan in der medizinischen Öffentlichkeit.

Für Sigrid Kwella waren dies die entscheidenden Verzögerungen, die ihr ein Dasein ohne Arme bescherten - und die ersten vier Lebensjahre im Heim einer Klinik. "Das ist heute noch ein Trauma für mich", sagt sie. "Hätte man die paar Monate früher gehandelt, wäre ich mit allen Gliedmaßen geboren", weiß sie - und mit ihr wohl mehrere Hundert weitere Betroffene.

Wer trägt die Schuld? Die Bundesvorsitzende der Contergangeschädigten, Margit Hudelmaier, sagt: "Grünenthal erklärt sich von jeder Schuld frei, und unsere Mütter fühlen sich schuldig, das kann es doch nicht sein." Immer wieder betont jeder einzelne der "Contis", wie Kwella selbst sagt, wie wichtig ihnen eine Entschuldigung des Konzerns wäre, fast mehr noch als die finanzielle Entschädigung. Grünenthal-Sprecher Schönrock sagt so viel: "Uns tut die Contergan-Tragödie unendlich leid - für die Betroffenen wie auch für deren Familien und besonders für die Mütter." Zu einer weitergehenden, einer förmlichen Bitte um Verzeihung ist man nicht bereit. Aus Bedenken vor juristischen Folgen?

Nachdem medizinisch und juristisch geklärt war, dass die Einnahme von Contergan während der Frühphase der Schwangerschaft für die fehlenden Gliedmaßen der Neugeborenen ursächlich war, kam es zum Prozess. Er zog sich hin bis zum Jahr 1970. Die Betroffenen werfen Grünenthal vor, ihn durch Verfahrenstricks absichtlich verzögert zu haben, in der Hoffnung, ihn bis über die Verjährungsfrist, die 1971 endete, hinauszuziehen. Da dieser Zeitpunkt drohte, hätten die Eltern auch den Vergleich, den ihnen das Gericht vorschlug, akzeptieren müssen, ansonsten wäre man womöglich ganz leer ausgegangen. Grünenthal sollte danach 100 Millionen Mark in einen Fonds einzahlen, aus dem die Opfer eine laufende Entschädigung erhalten würden, die Bundesregierung - wohl auch aus der Verantwortung für ein fehlendes hinreichendes Arzneimittelrecht - zahlte zwei Jahre später den selben Betrag ein, Grünenthal auch noch einmal 14 Millionen, der Fonds wurde in eine Stiftung umgewandelt. Man einigte sich.

Um Contergan, in den 60er- und 70er- Jahren der Inbegriff für einen Arzneimittelskandal, für die Schattenseiten des medizinischen Fortschritts, war es in den 80er- und 90er-Jahren stiller geworden. Die hilflosen Kinder der frühen Jahre waren nun Erwachsene, die sich mit ihrem Leben zunehmend arrangieren konnten, jedenfalls diejenigen, die berufstätig waren, die einen Partner als Pfleger um sich hatten, die ansonsten gesund blieben. Von ihren nach wie vor bestehenden Nöten körperlicher, sozialer und auch finanzieller Art war immer weniger die Rede. Bis 2007 ein neuer Prozess begann. Grünenthal klagte gegen die Ausstrahlung des TV-Zweiteilers "Eine einzige Tablette", der die ganze Geschichte noch einmal erzählte. Nach zwei Jahren und mehreren Instanzen lautete das Urteil: Der WDR durfte den Film ausstrahlen. "Was Besseres hätte uns nicht passieren können", freut sich Margit Hudelmaier, der Prozess hat das Thema noch einmal richtig öffentlich gemacht. Womöglich öffnete diese zweifelhafte PR auch die Taschen des Konzerns, dessen Eigentümerfamilie zu den 50 reichsten im Lande gehört. Noch einmal 50 Millionen Euro zahlte Grünenthal in die Stiftung ein. Daraus werden heute an die Betroffenen monatliche Zuschüsse, je nach Schwere der Behinderung, zwischen 250 und 1127 Euro überwiesen, sowie jährliche Einmalzahlungen zwischen 460 und 3680 Euro. Die Höchstsätze erhalten allerdings die wenigsten.

Die "Contis", die jetzt in Rente gehen, bezweifeln, dass sie damit klarkommen. Die Eltern, die all die Jahre halfen, den Alltag zu bewältigen, sind zunehmend selbst Pflegefälle, die Kinder gegebenenfalls aus dem Haus. Wer keinen Lebenspartner hat, ist auf bezahlte Hilfe angewiesen. Ihre staatlichen Rentenansprüche sind aufgrund ihrer kurzen Lebensarbeitszeit kaum über Sozialhilfeniveau, viele öffentliche Zuschüsse zur Erleichterung des Alltags waren an die Berufstätigkeit gebunden, etwa der Umbau eines Autos für den täglichen Weg zur Arbeit. "Lenken mit dem linken Fuß, blinken mit dem rechten Knie, Scheibenwischer ein- und ausschalten mit der rechten Wade", wie es Hudelmaier erzählt, kann man wohl antrainieren, "aber wer sich sein Auto entsprechend umbauen lässt, zahlt mindestens 30 000 Euro dafür." Auch die Zahnarztrechnungen werden unerschwinglich. Schönrock weist darauf hin, dass Grünenthal eigens einen Fonds für einzelne Härtefälle eingerichtet habe. Verbandssprecherin Hudelmaier kann er damit nicht beeindrucken: "Ein undurchsichtiges Verfahren."

Einige Landesverbände des Geschädigten veranstalten am kommenden Wochenende Aktionstage in Berlin.

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