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Beitrag Verfasst: Mittwoch 1. August 2012, 07:59 
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Hier findet Ihr Presseberichte vom August 2012,
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Beitrag Verfasst: Dienstag 7. August 2012, 21:25 
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Staatssekretärin Flach bei Grünenthal: Alarmglocken schrillen

Von Berthold Strauch | 07.08.2012, 18:06

Aachen. Der Name klingt sperrig: «Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts» (Amnog). Und der Inhalt dieses dicken Pakets treibt Betriebsrat und Geschäftsführung des Aachener Pharmaherstellers Grünenthal die Sorgenfalten auf die Stirn.

Die Probleme, die ihnen die Berliner Vorgaben aus ihrer Sicht bereiten, vermittelten sie gemeinsam an der richtigen Stelle: Ulrike Flach (FDP), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, ließ sich am Dienstag bei einem Werksbesuch informieren und hörte aufmerksam zu.

Es werde «mittelfristig zu dramatischen Arbeitsplatzverlusten kommen», hatte Karl-Josef Matthias, Vorsitzender der Grünen-thal-Mitarbeitervertretung, dem Gast aus der Hauptstadt deutlich gemacht, «wenn die restriktiven gesundheitspolitischen Maßnahmen» wie in den seit dem 1. Januar 2011 gültigen neuen Bestimmungen beschlossen fortgeführt würden. «Gespart werden muss, das steht außer Frage. Aber wir Betriebsräte fordern einen fairen Umgang.» Neben dem drohenden Jobverlust würden künftig den Patienten weniger Innovationen zur Verfügung stehen, «weil die Politik die finanzielle Basis deutlich verkleinert, um Forschung zu finanzieren», warnte Matthias.

«Wir brauchen Verlässlichkeit», sekundierte Grünenthal-Finanzvorstand Stefan Genten und verwies auf den hohen Forschungsaufwand seines Unternehmens inklusive klinischer Studien, der im vergangenen Jahr 25 Prozent des Umsatzes ausgemacht habe. Diese Gewissheit sei langer Entwicklungszyklen für neue Medikamente kaum mehr möglich. Dabei verwies er auf die Vorgabe aus dem Amnog, wonach die Hersteller bei neuen Wirkstoffen Nachweise über Zusatznutzen für Patienten zu erbringen hätten.

Entschieden wird dies im «Gemeinsamen Bundesausschuss». Im Falle des neuen Grünenthal-Schmerzmittels Palexia, das Genten «unseren neuen Gold-Standard» nannte, gebe es kein vergleichbares Mittel. Auch der Faktor Lebensqualität müsse in die Bewertung stärker einbezogen werden, wenn der Wert einer neuen Arznei beurteilt werde, so Genten.

«Wir haben an einigen Stellschrauben gedreht», unterstrich Ulrike Flach, dass die Kritik aus der Branche in der Hauptstadt ernstgenommen worden sei. Grundsätzlich habe sich die Neuregelung bewährt. Sie verwies zudem darauf, dass Neuland betreten worden und die Politik grundsätzlich lernbereit sei. Allerdings habe die erhoffte Kostendämpfung «gegriffen».

Die Staatssekretärin unterstützte ihre Gesprächspartner - darunter auch Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Pharma-Betriebsräte aus Berlin und der Industrie-Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie - in deren Forderung nach staatlicher Forschungsförderung, so wie es in der Koalitionsvereinbarung festgeschrieben worden ist.

Hier sperre sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble noch, betonte Flach. Sie wolle ihn «in die Pflicht nehmen», kündigte sie an. Denn diese Regelung sei «unerlässlich», wolle man die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Pharmabranche nicht gefährden.

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gefunden bei: © http://www.contergan-sh.de

  


Beitrag Verfasst: Freitag 10. August 2012, 19:50 
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Denkmal wird eingeweiht

(red) | 10.08.2012, 17:15

Stolberg. Das erste Denkmal für die rund 10.000 Opfer des Schlafmittels Contergan wird am 31. August in Stolberg eingeweiht
Das teilte die Stadt am Freitag mit. Die Bronze-Skulptur stellt ein Contergan-geschädigtes Mädchen ohne Arme und mit missgebildeten Füßen auf einem Stuhl sitzend dar.

Der frühere Contergan-Hersteller Grünenthal übernehme wie geplant die Kosten, sagte eine Stadt-Sprecherin. Dies hatte der Bundesverband Contergangeschädigter als «unerträglich» bezeichnet. Zum Festakt im Stolberger Kulturzentrum Frankenthal seien laut Stadt der Bundesverband und die Conterganstiftung, nicht aber kleinere Opferverbände eingeladen. Auch Grünenthal werde teilnehmen, sagte ein Firmensprecher.

Das Denkmal hatte im Vorfeld für Wirbel gesorgt. Die Stadt hatte ihm nur unter der Bedingung zugestimmt, dass Grünenthal beteiligt wird, was bei Opferverbänden für eine Welle der Empörung sorgte. Nach Vermittlung des Stolberger Bürgermeisters Ferdi Gatzweiler stimmte Initiator Johannes Igel der Beteiligung zu.

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Beitrag Verfasst: Mittwoch 15. August 2012, 07:48 
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14.08.2012 - 17:12
Lebenssituation contergangeschädigter Menschen verbessern

Berlin (kobinet) Die Linke im Bundestag hat heute den Entwurf eines Antrags vorgelegt, der auf eine spürbar verbesserte Lebenssituation der durch Contergan geschädigten Menschen abzielt. Er ist Diskussionsgrundlage für ein Fachgespräch mit den Betroffenen am 20. August und soll im Oktober in den Deutschen Bundestag eingebracht werden.

Ilja Seifert, der behindertenpolitische Sprecher der Fraktion, verwies in diesem Zusammenhang auf die Antwort der Bundesregierung zur Kleine Anfrage der Linken "Der Conterganskandal - 40 Jahre nach Gründung der Conterganstiftung". Er bedauerte, dass die Bundesregierung erst nach Vorlage des Endberichtes, also frühestens 2013, entscheiden will, welche Konsequenzen sie aus der Studie und den Handlungsempfehlungen der Uni Heidelberg (kobinet 28.6.12) ziehen wird.

"Damit spielt sie auf dem Rücken der Betroffenen weiter auf Zeit, obwohl deren Probleme offensichtlich sind und sofortiges Handeln erfordern. Interessant auch, zu welchen Fragen die Bundesregierung weiterhin keine Kenntnisse hat und auch nicht haben will. Das betrifft die Herkunft des für ,Contergan' verwendeten Wirkstoffes und der beteiligten NS-belasteten Personen in der Firma Grünenthal und mehrere Fragen zur Armut von Conterganopfern und ihren Angehörigen. Unakzeptabel ist angesichts der jährlichen Zuschüsse der Steuerzahler an die Conterganstiftung und des vorhandenen Reichtums der Familie Wirtz, dass die Bundesregierung, seit 2009 weder mit der Grünenthal GmbH noch mit der Familie Wirtz Gespräche über weitere Leistungen für contergangeschädigte Menschen geführt' hat", erklärte Seifert.

Die Linke werde deshalb bis zum Oktober 2012 im Ergebnis vieler Diskussionen und eines Fachgespräches mit den Betroffenen am 20. August einen Antrag in den Bundestag einbringen. Mit dem Antrag werden Vorschläge für ein 3. Conterganstiftungsänderungsgesetz und weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation der Conterganopfer unterbreitet. sch

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Beitrag Verfasst: Mittwoch 15. August 2012, 07:51 
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Contergan: Mann aus Hundheim kämpft erfolgreich gegen das Vergessen
In zwei Wochen hat Johannes Igel erreicht, wofür er drei Jahre gekämpft hat: Am 31. August wird in Stolberg bei Aachen eine Skulptur für die etwa 10.000 Opfer des Contergan-Skandals aufgestellt und eingeweiht – das einzige Denkmal weltweit.

Dort hatte der frühere Contergan-Hersteller Grünenthal bis vor kurzem seinen Sitz.

Die Idee hatte der 50-jährige Hundheimer, der selbst durch das Medikament geschädigt ist, bei einem Berlin-Besuch. Er habe das Holocaust-Denkmal gesehen und gedacht: „Irgendetwas musst du für die Contergan-Opfer machen.“ Der Skandal habe mit 5000 Toten und 5000 Geschädigten schließlich große Ausmaße, sagt Igel. Also wandte er sich an den Bürgermeister der Stadt Stolberg, Ferdi Gatzweiler, und stellte einen Antrag für eine Gedenktafel.

Was folgte waren viele Gespräche mit der Stadt, den Opfer-Verbänden – und der Firma Grünenthal. Die kam auf Igel zu und bot an, die Kosten für das Denkmal zu übernehmen.

Eine Nachricht, die bei vielen Betroffenen Protest auslöste. Die Firma würde sich so von ihrer Schuld freikaufen, war ihre Befürchtung. Inzwischen hätten sich die meisten damit abgefunden, die Skepsis gegenüber dem Contergan-Hersteller sei aber geblieben, sagt Igel. Er selbst habe damals auch lange überlegt. „Aber wir müssen wieder ins Gespräch kommen, sonst hilft es den Geschädigten nicht.“ Er ist deshalb zufrieden damit, dass die Firma die Kosten übernimmt, die die geplanten 5000 Euro inzwischen weit übersteigen. „Es ist ein Schritt nach vorne auf uns zu und zeigt, dass es bei der Geschäftsführung ein Umdenken gegeben hat.“

Bei der ursprünglichen Idee einer Tafel blieb es jedoch nicht. Aus den Reihen der Geschädigten kam der Vorschlag, eine Skulptur des Aachener Bildhauers Bonifatius Stirnberg aufzustellen. Er hatte eine 62 Zentimeter große Bronzestatue eines vom Leiden gezeichneten Mädchens ohne Arme erstellt. Eine Kopie dieser Statue wollte Igel aber nicht. „Es sollte noch würdiger sein“, sagt der Verwaltungsangestellte. Deshalb wird nun eine dreiteilige Skulptur aufgestellt, die die Geschädigten und Toten symbolisiert – „mitten im Leben“ (Igel) des Stolberger Kulturzentrums.
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Beitrag Verfasst: Mittwoch 15. August 2012, 21:05 
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Der Kampf der Contergan-Firma gegen die Opfer

Mit einem Denkmal soll in Stolberg an Tausende Schwerstgeschädigte des Contergan-Skandals erinnert werden. Finanziert wird es von der Firma Grünenthal, die das Medikament herausbrachte. Von Henryk M. Broder
Die Stadt Stolberg liegt im Dreiländereck von Belgien, Deutschland und Holland, unweit von Aachen im äußersten Westen des Landes. 1188 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, hat sie sich im Laufe von 800 Jahren "von einer typischen Industriestadt", in der Blei, Glas, Kupfer, Messing und Zink verarbeitet wurden, zu einer "modernen und umweltfreundlichen Stadt mit einem ausgeprägten Profil als Tourismus- und Dienstleistungsstandort" entwickelt. In Stolberg wurde, was kaum jemand weiß, der Druckknopf erfunden.

Und in Stolberg soll Ende dieses Monats ein Denkmal eingeweiht werden, das weit über die Grenzen der StädteRegion Aachen, des Landes Nordrhein-Westfalen und der Bundesrepublik für Aufsehen sorgen wird. Die Bronze-Skulptur, heißt es in einer Mitteilung der Stadt Stolberg, stelle ein "Mädchen ohne Arme und mit missgebildeten Füßen auf einem Stuhl sitzend dar". Die Kosten für das Denkmal übernehme die Firma Grünenthal ("Schmerz ist unsere Kompetenz"), ein weltweit operierenden Pharmaunternehmen mit Sitz in Aachen, das 2011 eine knappe Milliarde Euro Umsatz gemacht hat.

Grünenthal, 1946 gegründet, ist auch ein Familienbetrieb, der auf seine ganz spezielle Unternehmenskultur stolz ist. "Wir leben eine ausgeprägte 'winning-culture’ und schätzen einen respektvollen und offenen Umgang miteinander." Ziel sei es, "das patientenzentrierteste Unternehmen" auf dem Gebiet der Therapie-Innovation zu werden. Man sei sich der "sozialen Verantwortung" bewusst und praktiziere "Engagement in verschiedene Richtungen", denn: "Wir sind Teil der Gesellschaft. Sie gibt uns, und wir möchten ihr geben."

Man sah die Ursache in Atombombentests

Was in der ausgiebigen Selbstdarstellung der Firma Grünenthal, in der Aufzählung all der Produkte und Projekte zum Wohle der Patienten nicht vorkommt, ist ein Name, der zum Synonym für Leichtsinn, Geschäftstüchtigkeit und Skrupellosigkeit wurde: Contergan, ein Beruhigungsmittel, das Ende 1957 auf den Markt kam und rezeptfrei abgegeben wurde, hergestellt von Grünenthal in Stolberg bei Aachen.

Es dauerte eine Weile, bis ein kausaler Zusammenhang zwischen der Einnahme von Contergan und schwersten Missbildungen bei Neugeborenen, die ohne Arme und Beine zur Welt kamen, festgestellt wurde. Erst einmal glaubte man, Kernwaffentests wären die Ursache.

Erst Ende 1961, vier Jahre nach der Einführung, wurde Contergan vom Markt genommen, einen Tag nachdem die "Welt am Sonntag" am 26. November über die Arbeit zweier Ärzte berichtet hatte, die unabhängig voneinander zu dem Ergebnis gekommen waren, dass Contergan die Ursache der Missbildungen sein musste. Für fünf- bis zehntausend schwerstgeschädigte Kinder, davon etwa viertausend in Deutschland, kam diese Erkenntnis zu spät.

Das größte Verfahren seit den Auschwitz-Prozessen

Sieben Jahre später, im Mai 1968, begann vor einer Großen Strafkammer des Landgerichts Aachen der Prozess wegen vorsätzlicher bzw. fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung gegen neun führende Grünenthal-Mitarbeiter. Sie wurden von 20 Anwälten vertreten. Die mehr als 300 Nebenkläger, die vom Gericht zugelassen wurden, hatten zwei Anwälte auf ihrer Seite.

Es war ein Prozess, wie ihn Deutschland bis dahin nicht erlebt hatte – was den Aufwand und die Dauer anging, nur noch vergleichbar mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen in den Sechzigerjahren. In Aachen wie in Frankfurt wurde im Namen von Opfern verhandelt, die nicht im Gerichtssaal erscheinen konnten. In Aachen wie in Frankfurt saßen auf der Anklagebank Mitarbeiter einer Organisation bzw. eines Unternehmens, die keinen Anflug von Bedauern oder Reue zeigten und jede Verantwortung von sich wiesen.

Was in Aachen im Mai 1968 mit einem Paukenschlag begann, endete nach 283 Verhandlungstagen im Dezember 1970 mit einem Deal. Ohne ein schuldhaftes Verhalten einzuräumen, boten die Vertreter von Grünenthal an, 100 Millionen Mark in die Stiftung "Hilfswerk für behinderte Kinder" einzuzahlen. Die Bundesregierung legte noch einmal 100 Millionen drauf. Das Strafverfahren wurde wegen "geringfügiger Schuld" der am Ende des Prozesses nur noch fünf Angeklagten und wegen "mangelnden öffentlichen Interesses" an der Strafverfolgung eingestellt.

Bis vor das Bundesverfassungsgericht

Damit war der Fall erst einmal vom Tisch aber noch lange nicht vorbei. Zum 50. Jahrstag der Markteinführung von Contergan kam eine Kölner Produktionsfirma auf die Idee, die Geschichte zu verfilmen, als Dokumentation mit fiktionalen Elementen. Grünenthal konnte das Projekt nicht vereiteln, ließ aber nichts unversucht, die Ausstrahlung des Zweiteilers im WDR zu verhindern. Ohne Kenntnis des Films erwirkten die Anwälte von Grünenthal beim Hamburger Landgericht im Juli 2006 eine Einstweilige Verfügung gegen die Kölner Filmemacher und den WDR.

Der Berliner Rechtsanwalt Jan Hegemann, der die Produktionsfirma vertrat und einige Geschädigte zu seinen Mandanten zählt, erinnert sich: "Die Ausstrahlung des Films ist durch die von Grünenthal zunächst erwirkte einweilige Verfügung um gut ein Jahr verzögert worden. Auf unsere Berufung hin hat das Hanseatische Oberlandesgericht die Verbotsverfügung des Landgerichts komplett wieder aufgehoben. Danach hat Grünenthal es dann noch beim Bundesverfassungsgericht versucht – vergeblich. Das zum Verfügungsverfahren parallel laufende Hauptsachenverfahren hat dann noch einmal ein Jahr länger gedauert; da war der Film dann aber irgendwann gesendet …"

Einstweilige Verfügung gegen Boykottaufruf

Hegemann tritt auch der von Grünenthal verbreiteten Ansicht entgegen, die Contergan-Opfer seien großzügig und unbürokratisch entschädigt worden. Das Gegenteil sei der Fall: "Die 'Contergan-kinder’ kämpfen bis heute gegen Windmühlenflügel um eine angemessene Entschädigung. Fatalerweise hat man Anfang der Siebzigerjahre bei der Gründung der Contergan-Stifung als Stiftung des öffentlichen Rechts durch Bundesgesetz für jeden, der Leistungen aus der Stiftung in Anspruch nimmt, alle anderen Schadenersatzansprüche einschließlich derer für Folgeschäden ausgeschlossen. Dieses himmelschreiende Unrecht hat leider vor den Gerichten einschließlich des Bundesverfassungsgerichts Bestand gehabt."

Bei der Wahrnehmung der eigenen Interessen versteht Grünenthal keinen Spass. Nachdem einige Contergan-Opfer zu einem Boykott von Grünenthal-Produkten aufgerufen hatten, reagierte das Unternehmen wieder mit einer Einstweiligen Verfügung. Hegemann: "Diese Verbotsverfügung ist nach einer wirklich dramatischen mündlichen Verhandlung wieder aufgehoben worden. Das war der erste Prozesssieg gegen Grünenthal in dreißig Jahren. In der Sache völlig belanglos, aber den Conterganopfern hat das ungeheuer gut getan." Das war im Juni 2009.

Miniatur der Einweihung des Holocaust-Mahnmals

Und nun sollen sie auch noch ein Denkmal bekommen, in Stolberg bei Aachen, bezahlt von der Firma Grünenthal. Wer da eine PR-Maßnahme wittert, hat das Spiel verstanden, und wem zu dieser späten Ehrung nur noch der Begriff "Zynismus" einfällt, der liegt auch nicht daneben. Die meisten Contergan-Kinder sind inzwischen gestorben. Die wenigen, die noch leben, sollen nun zu der Einweihung des Denkmals am 31. August eingeladen werden.

Das Ganze ist eine gespenstische Miniatur einer ganz anderen, aber doch ähnlichen Geschichte. Bei der Eröffnung des Berliner Holocaust-Mahnmals im Jahre 2005 durften etliche Juden, die den Holocaust überlebt hatten, als Ehrengäste in den vorderen Reihen Platz nehmen.

Man kann nur hoffen, dass die Contergan-Opfer mehr Würde beweisen und der Feier in Stolberg fern bleiben werden.

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Beitrag Verfasst: Donnerstag 16. August 2012, 08:26 
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Hunsrücker erkämpft Mahnmal
Das Ziel rückt näher: In Stolberg bei Aachen steht demnächst eine Skulptur für die Opfer des Skandals um das Schlafmittel Contergan. Drei Jahre hat der Hundheimer Johannes Igel sich dafür starkgemacht. Am 31. August wird das Denkmal eingeweiht.

Morbach. In gut zwei Wochen hat Johannes Igel erreicht, wofür er drei Jahre gekämpft hat: Am 31. August wird in Stolberg bei Aachen eine Skulptur für die etwa 10 000 Opfer des Contergan-Skandals aufgestellt und eingeweiht - das einzige Denkmal weltweit. Dort hatte der frühere Contergan-Hersteller Grünenthal bis vor kurzem seinen Sitz. "Zwischendurch habe ich häufiger gedacht, es kommt nicht zustande", sagt der 50-jährige Hundheimer. Es sei anstrengend gewesen, alles unter einen Hut zu bringen. Nun sind die Einladungskarten verschickt; der Termin ist fest im Kalender markiert - und alle ziehen mit.
Die Idee hatte der Verwaltungsangestellte, der selbst durch das Medikament geschädigt ist, bei einem Berlin-Besuch. Er habe das Holocaust-Denkmal gesehen und gedacht: "Irgendetwas musst du für die Contergan-Opfer machen." Der Skandal habe mit 5000 Toten und 5000 Geschädigten schließlich große Ausmaße, sagt Igel. Also wandte er sich an den Bürgermeister der Stadt Stolberg, Ferdi Gatzweiler, und stellte einen Antrag für eine Gedenktafel. Igel: "Er hat sich sehr dafür eingesetzt."
Stolberg mache das aus voller Überzeugung, sagt Gatz weiler. "Die Stadt hat den Contergan-Skandal zwar nicht verschuldet, es ist aber eine Sache, die in Stolberg passiert ist." Deshalb hätten sich die Politiker dafür entschieden, an die Verstorbenen und die Betroffenen zu erinnern. Der einstimmige Beschluss des Stadtrats fiel Anfang des vergangenen Jahres.
Igel führte aber nicht nur Gespräche mit der Stadt, er sprach auch mit Opfer-Verbänden - und der Firma Grünenthal. "Sie hat sich bei mir gemeldet und gesagt, dass sie die Gedenktafel gerne finanzieren würde, wenn die Stadt bereit ist, sie aufzustellen", erzählt Igel. Eine Nachricht, die bei vielen Betroffenen Protest auslöste. Die Firma würde sich so von ihrer Schuld freikaufen, war ihre Befürchtung. Inzwischen hätten sich die meisten damit abgefunden, die Skepsis gegenüber dem Contergan-Hersteller sei jedoch geblieben, sagt Igel. Er selbst habe auch lange überlegt. Aber: "Wir müssen wieder ins Gespräch kommen, sonst hilft es den Geschädigten nicht." Er ist deshalb damit zufrieden, dass Grünenthal die Kosten übernimmt, die die geplanten 5000 Euro inzwischen weit übersteigen. "Es ist ein Schritt nach vorne auf uns zu und zeigt, dass es bei der Geschäftsführung ein Umdenken gegeben hat."
Grünenthal selbst möchte mit der Beteiligung "Respekt zeigen für die Betroffenen und die Bürger von Stolberg, dem Ort, an dem Grünenthal gegründet wurde", sagt Sprecherin Cornelia Kompe. Bei der ursprünglichen Idee einer Tafel blieb es jedoch nicht.
Aus den Reihen der Geschädigten kam der Vorschlag, eine Skulptur des Aachener Bildhauers Bonifatius Stirnberg aufzustellen. Er hatte eine 62 Zentimeter große Bronzestatue eines vom Leiden gezeichneten Mädchens ohne Arme erstellt. Eine Kopie dieser Statue wollte Igel aber nicht. "Es sollte noch würdiger sein", sagt der Verwaltungsangestellte. Deshalb wird nun eine dreiteilige Skulptur aufgestellt, die die Geschädigten und Toten symbolisiert - "mitten im Leben" (Igel) des Stolberger Kulturzentrums.
Extra
Das Contergan-Denkmal wird am Freitag, 31. August, um 15 Uhr im Kulturzentrum in Stolberg bei Aachen eingeweiht. Vertreter der Stadt, der Opfer-Verbände, der Firma Grünenthal und der evangelischen sowie katholischen Kirche werden vor Ort sein. Ab Sonntag soll die Feier auch als Film auf der Internetseite der Stadt zu sehen sein - für alle, die bei der Einweihung nicht dabei sein können. Da es unter den Opfern auch einige gibt, die nicht hören können, werden Gebärdensprachen-Dolmetscher auf Deutsch und Englisch eingebettet. Initiator Johannes Igel: "Wir haben darauf gedrängt, damit alle Betroffenen etwas davon haben." hsc
Extra
Mit dem Namen Contergan ist einer der größten deutschen Medikamentenskandale verbunden. Weltweit erlitten 10 000 Neugeborene schwerste Schädigungen, nachdem ihre Mütter das Schlafmittel in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen eingenommen hatten. Die Betroffenen leiden unter fehlgebildeten Gliedmaßen sowie unter geschädigten Organen. 1961 nahm die Hersteller-Firma Grünenthal das Medikament aus dem Handel. 1970 schloss das Unternehmen einen Vergleich mit den Eltern der betroffenen Kinder. Das Unternehmen zahlte 100 Millionen Mark in eine Stiftung, aus der die Geschädigten eine Rente beziehen. fpl/iro

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Beitrag Verfasst: Mittwoch 22. August 2012, 22:35 
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22.08.2012 15:43
Mahnmal zum Gedenken an die Opfer
Vor 50 Jahren wurde der Contergan-Skandal öffentlich: Die Geschichte von Schuld und Verantwortung ist so lang wie der Leidensweg der Geschädigten Von Michael Gregory
Falscher Standort, falsche Zeit, fragwürdige Gestaltung – wenn Opfer des Contergan-Skandals über das erste Mahnmal in Deutschland sprechen, das künftig an ihr Schicksal erinnern soll, fallen oft kritische Worte und nicht selten schwingt Verbitterung mit. In der kommenden Woche soll es in Stolberg bei Aachen eingeweiht werden, jenem Ort, an dem der Contergan-Produzent, die Grünenthal GmbH, 1946 gegründet wurde. Dass dies gerade jetzt geschieht, ist kein Zufall: Vor fünfzig Jahren, am 23. August 1962, wurde die erste wissenschaftliche Studie über die Wirkung des Medikaments mit dem verhängnisvollen Wirkstoff a-Phthalimidoglutarimid veröffentlicht. Es war die Zeit, in der die breite Öffentlichkeit in Deutschland von der bitteren Wahrheit erfuhr und einen ersten Eindruck vom Ausmaß der Katastrophe bekam.
Ein Mädchen ohne Arme und mit missgebildeten Füßen

Die in der rheinischen Provinz in Gedenken an einen Skandal mit globalem Ausmaß aufgestellte Bronzeskulptur zeigt ein contergangeschädigtes Mädchen ohne Arme und mit missgebildeten Füßen. Ein Conterganopfer aus dem Hunsrück hatte das Denkmal vor Jahren angeregt. Grünenthal übernimmt die Kosten – wohl auch in der Hoffnung, so einen Schlussstrich unter die Auseinandersetzung zu ziehen. Eine berechtigte Hoffnung?

Die Historie von Schuld und Mitverantwortung im Contergan-Skandal ist so lang wie die Leidensgeschichte der Geschädigten. Es geht um das Schicksal und die Ansprüche von vielen tausend Menschen. Allein in Deutschland führte Contergan bei vier- bis fünftausend ungeborenen Kindern zu schwersten Missbildungen. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl tot geborener Kinder. Den Überlebenden machen jetzt, im Alter, vor allem die Spätfolgen ihrer Behinderungen zu schaffen, etwa auf Herz, Kreislauf oder den Knochenbau, ganz zu schweigen von psychischen Belastungen wie Depression und Zukunftsangst.

Die Details über die Historie des Skandals beschäftigen bis heute vor allem Betroffenenverbände. Doch die Datenlage ist unübersichtlich und lückenhaft und einen Sündenbock scheint es nicht zu geben. Eines aber steht fest: Hätte die Firma Grünenthal, die das Arzneimittel bereits Ende der fünfziger Jahre auf den Markt gebracht hatte, früher und konsequenter zu den eigenen Fehlern und Versäumnissen gestanden, wäre den Opfern viel Leid erspart geblieben.

Doch der Reihe nach. Contergan war in den fünfziger Jahren ein gängiges, vielfach bewährtes Schlafmittel. Es galt als unbedenklich, auch für Schwangere. Bis August 1961 war es frei verkäuflich. Insofern ist den behandelnden Ärzten kein Vorwurf zu machen. Eine Mitverantwortung tragen aber auch sie. Denn viel spricht dafür, dass mitunter Fahrlässigkeit herrschte, ein Laissez-faire im Behandlungszimmer mit verheerenden Folgen. Hätten die Ärzte schwangeren Patientinnen nicht von Contergan abraten müssen? Hätten verträglichere Alternativen empfohlen werden können? Ist das eherne Gebot wirklich ernst genommen worden, nur dann zum Medikament zu greifen, wenn es wirklich nötig ist, denn Nebenwirkungen gibt es immer, auch wenn sie im Fall Contergan als harmlos galten. Damals herrschte noch viel stärker als heute ein Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten, das die Mediziner zu noch größerer Sorgfalt hätte anspornen können. Natürlich ist es immer einfacher, in der Gegenwart die Umstände vergangener Zeiten zu kritisieren. Kaum bestreitbar ist jedoch, dass im Umgang mit der Katastrophe Fehler gemacht wurden. Das gilt nicht zuletzt für den Contergan-Produzenten Grünenthal. Wer die Geschichte Revue passieren lässt, wird fragen, ob es immer der Wille zu lückenloser Aufklärung und angemessener Entschädigung war, der das Unternehmen leitete.
Kernwaffentests galten zunächst als Ursache

So dauerte es eine Weile, bis ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Contergan und den Missbildungen bei Neugeborenen festgestellt wurde. Zunächst glaubte man, Kernwaffentests seien die Ursache. Erst am 27. November 1961, vier Jahre nach der Einführung, wurde Contergan vom Markt genommen, nachdem Ärzte unabhängig voneinander zum Schluss gekommen waren, dass es die Ursache der Missbildungen sein musste. Sieben Jahre später, am 27. Mai 1968, begann vor dem Landgericht Aachen der Prozess wegen vorsätzlicher beziehungsweise fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung gegen neun führende Grünenthal-Mitarbeiter.

Es war ein Prozess, wie ihn Deutschland bis dahin selten erlebt hatte. In Aachen und Frankfurt/Main wurde im Namen von Opfern verhandelt, die nicht im Gerichtssaal erscheinen konnten. In Aachen und Frankfurt saßen auf der Anklagebank Menschen, die von Bedauern oder Reue nicht viel zeigten und Verantwortung von sich wiesen. Nach 283 Verhandlungstagen stand am 18. Dezember 1970 ein Deal fest: Ohne schuldhaftes Verhalten einzuräumen, boten die Vertreter Grünenthals an, 100 Millionen Mark in die Stiftung „Hilfswerk für behinderte Kinder“ einzuzahlen. Die Bundesregierung steuerte ihrerseits 100 Millionen zu. Das Strafverfahren wurde wegen „geringfügiger Schuld“ und „mangelnden öffentlichen Interesses“ an der Strafverfolgung eingestellt.

In der Öffentlichkeit verschwand das Thema weitgehend. Zum 50. Jahrestag der Markteinführung von Contergan wollte der WDR dann die Geschichte des Skandals verfilmen, als Dokumentation mit fiktionalen Elementen. Die Diskussion flammte erneut auf. Grünenthal erwirkte beim Hamburger Landgericht im Juli 2006 eine Einstweilige Verfügung gegen die Kölner Filmemacher und den WDR. Doch das Verbot wurde aufgehoben, zur Erfüllung einer Auflage des Hamburger Landgerichts wurde eine klarstellende Szene nachgedreht. ARD und ORF zeigten den Film am 7. und 8. November 2007 mit begleitenden Dokumentationen.
Mit den dunklen Schatten der Vergangenheit kämpfen

All das wirft ein Schlaglicht auf den fragwürdigen Umgang Grünenthals mit der eigenen Vergangenheit. Doch einen wichtigen Fortschritt hatte das enorme mediale Interesse am 50. Jahrestag der Markteinführung von Contergan und dem Film gebracht: Kurz nach dem Sendetermin kam es zu ersten Gesprächen zwischen Grünenthal und dem Bundesverband der Contergangeschädigten – Jahrzehnte nachdem klar geworden war, welch verheerende Wirkungen Contergan hat.

Grünenthal hat bis heute mit den dunklen Schatten seiner Vergangenheit zu kämpfen. Ein von Anfang an offenerer Umgang mit dem Skandal hätte dem Unternehmen vermutlich mehr genutzt. Von großzügigeren und vor allem nachhaltigeren Entschädigungsregeln hätten vor allem die Betroffenen profitiert, besonders mit Blick auf die Spätfolgen, unter denen sie heute vielfach leiden. Anstoß für ein Stück späte Genugtuung könnten zwei derzeit laufende Forschungsprojekte geben. Sie sollen neue Erkenntnisse über die aktuelle Situation der Contergan-Geschädigten liefern. Untersucht werden körperliche Befunde, psychische Befunde, Langzeitfolgen, Lebensqualität und medizinische Versorgung von Überlebenden. Nicht nur von den rund 2 700 übrig gebliebenen Betroffenen werden die Ergebnisse mit großer Spannung erwartet.
Quelle

  


Beitrag Verfasst: Donnerstag 23. August 2012, 07:52 
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Ein missverstandenes Monster-mittel? Thalidomid bekommt noch eine Chance …
Veröffentlicht am 21. August 2012 von Pharmama

Es ist 1954: Ursprünglich war das Mittel Thalidomid als Anti-Allergiemittel gedacht, aber anstatt Allergien vorzubeugen, zeigte sich im Tierversuch, dass die damit behandelnden Ratten einschliefen. Und erstaunlicher als das war: egal wieviel Thalidomid man ihnen gab, sie blieben gesund. Man hatte offenbar ein Mittel gefunden zur Beruhigung, das man nicht überdosieren kann. Eine Novität.
Es wurde sogar damit beworben: Ein Mittel so sicher, dass sogar ein Kleinkind eine ganze Flasche schlucken kann, ohne bleibende Schäden zurückzubehalten!
Ab 1957 Unter dem Markennamen Contergan (in anderen Ländern: Distaval) vertrieben, wurde es enorm beliebt – man nahm es wie Aspirin. Es war rezeptfrei erhältlich und auch Ärzte verschrieben es gegen alles mögliche: Als Schlafmittel, bei kleineren Beschwerden, die man mit Ängstlichkeit in Verbindung brachte, bis zur morgendlichen Übelkeit in der Schwangerschaft.
Immerhin hatte das Mittel im Tierversuch keinerlei embryotoxischen oder mutagenen Eigenschaften gezeigt. Man sah es als komplett sicher an.
Dann wurden Kinder mit Missbildungen geboren: die Babies hatten einen perfekten Kopf, perfekten Körper, nur … keine oder arg verkürzte Arme und Beine.

Es dauerte eine ganze Weile, bis man auf den Übeltäter kam. Zuerst dachte man, es sei ein Virus, möglicherweise eine Abart des Grippevirus … Lecks aus Atomkraftwerken, sogar Waschmittel wurde verdächtigt, immerhin traten die Probleme plötzlich weltweit auf.

1961 kam ein Australischer Arzt namens William McBride darauf, als er die medizinischen Unterlagen von 3 Babies anschaute, die er auf die Welt gebracht hat. Bei allen drei hatte die Mutter früh in der Schwangerschaft Distraval (Thalidomid) genommen.

1962 wurde Thalidomid zurückgezogen. Zu dem Zeitpunkt waren 8000 Kinder in 46 Ländern mit Missbildungen geboren worden. Nur die Hälfte davon überlebte die ersten Lebensmonate.

Was die Wissenschaftler so überrascht hat war, wie ein Medikament das derart harmlos war bei Erwachsenen bei kleinen Babies derart Schaden anrichten konnte. Bis dahin dachte man, dass jedes Medikament, das für die Mutter sicher war, das auch für den Fötus sein musste.

Heute weiss man etwas mehr. Die Schädigung des Embryos tritt nur in den ersten 60 Tagen der Schwangerschaft auf. Und nur beim Menschen. Deshalb wurde das Problem nicht früher entdeckt.
Thalidomid wird als eine der grössten Katastrophen in der Geschichte der Medizin angesehen … und hatte enormen Einfluss darauf, wie die Medikamente heute getestet und angewendet werden. Gerade bei Schwangeren ist man viel vorsichtiger geworden.

Thalidomid verschwand mehr oder weniger vom Markt.

Damit ist die Geschichte beendet … sollte man denken.

Aber schon 1965 begannen die Ansichten über das Monstermittel Thalidomid zu ändern.
In Jerusalem gibt es immer noch ziemlich viele Leute mit Lepra. Etwa 5% der Lepra-betroffenen entwickeln eine schmerzhafte und manchmal tödliche Komplikation, die sich ENL nennt (Erythema nodosum leprosum) – also die Hautveränderungen die Auswirkungen des Immunsystems sind, das sich gegen das Bakterium welches Lepra verursacht, wehrt. Die Schwellungen werden durch Cytokine und aktivierte Makrophagen verursacht, was schliesslich zur Zerstörung des Gewebes führt … die Patienten haben Entzündungen und Schmerzen … und der Arzt Jacob Cheskin suchte nach etwas, das er den Patienten geben konnte, damit sie etwas Ruhe hätten und schlafen konnten. In der Apotheke des Spitals stoplerte er über eine alte Flasche Thalidomid. Das versuchte er dann an seinen Patienten.

Das nächste war dann wirklich überraschend: Praktisch über Nacht begannen die Geschwürde zu bessern und zuzuheilen.

Niemand verstand weshalb, aber Cheskin teilte seine Beobachtungen mit der Welt.

In Lepra-Gebieten rund um die Welt wurde Thalidomid daraufhin wieder hergestellt und dagegen eingesetzt – mit Erfolg.
Man sah Thalidomid in dem Moment als einen Immunsystem-modulator an (was und wie es genau wirkte war immer noch nicht bekannt) und versuchte es (obwohl dafür nicht zugelassen) auch an anderen Krankheiten aus. So fand man in England dann, dass es auch bei den Geschwüren an den Körpern von Behcet Kranken hilft. Bei der Krankheit erkennt der Körper auf einmal gewisse körpereigene Stellen als fremd an und bekämpft sie, was auch zu hässlichen Geschwüren führt – zum Beispiel im Mund oder an den Genitalien. Man kann kaum mehr Essen und Trinken und nur mit Schmerzen auf die Toilette. Sarah Craven war ein besonders schwerer Fall, an der Thalidomid schliesslich versucht wurde.

Ihre Hautläsionen gingen innert 3 Wochen praktisch komplett zurück. Und auch andere jahrelang geplagte wurden erfolgreich behandelt.

Sara Craven nahm das Medikament weiterhin … und es ging ihr so gut damit, dass sie einen neuen Lebensabschnitt in Betracht ziehen konnte. Sie setzte Thalidomid ab, damit es keine Probleme gab mit der geplanten Schwangerschaft. Aber die Krankheit kam zurück. Im 6. Monat musste sie wieder Thalidomid nehmen – mit dem Risiko, dass es auch dann noch Auswirkungen auf das ungeborene Kind hat. Wie man wusste, traten die Missbildungen nur auf, wenn man es in den ersten 60 Tagen nimmt. Die waren vorbei, aber ganz sicher war man nicht, ob es nicht doch Probleme geben könnte: neurologischer Natur. Diese Gefahr ist zwar kleiner, wurde aber bei Kindern beobachtet, deren Mütter das Medikament erst im letzten Trimenon genommen hatten. Es gibt jedoch wenig Erfahrungen damit, da es heute kaum Frauen gibt, die Thalidomid nehmen und schwanger werden (wollen).

Sarah Cravens Sohn kam übrigens 1998 vollkommen gesund zur Welt und im selben Jahr bekam Thalidomid die Zulassung gegen ENL bei Lepra.

Trotzdem hat man immer noch das Problem der Missbildungen, wenn man das in der Schwangerschaft nimmt … und das passiert in Ländern wie Brasilien, wo ein hoher Prozentsatz der Frauen nicht lesen kann auch heute noch.

In den Industrieländern ist Thalidomid deswegen streng kontrolliert und unterliegt strengen Richtlinien, braucht spezielle Rezepte und der Arzt muss mit der Patientin eine Schwangerschaftsprophylaxe ansprechen und durchführen. In manchen Lädern müssen die Patientinnen Formulare unterschreiben, dass sie beim Geschlechtsverkehr gleich 2 Verhütungsmittel verwenden.
Inzwischen waren noch weiter Entwicklungen im Gang, zum Beispiel bei der Behandlung von Tumoren. Der Arzt Judah Folkmann verfolgte die Theorie, dass Krebs imstande ist Gefässe in sich wachsen zu lassen (Angiogenese) und die Blutzufuhr braucht um selber zu wachsen und sich zu verbreiten. Er suchte nach Stoffen, die imstande waren, dieses Gefässwachstum zu bremsen und stiess dabei auf Thalidomid.

Thalidomid verhindert die Sekretion des Vascular Endothelial Growth Factor und hemmt somit die Neubildung von Blutgefässen. Das ist bei erwachsenen Personen im Normalfall ohne Bedeutung. Nimmt allerdings eine Schwangere im ersten Trimenon das, kommt es zu schweren Fehlbildungen am Neugeborenen. Die fehlende Blutversorgung führt zu verkürzten oder fehlenden Röhrenknochen – das war also das Problem.

Und beim Krebs hilft Thalidomid, indem es das Wachstum von Gefässen um und in den Krebs hinein hemmt – und es macht offenabar noch mehr … es hat eine Wirkung auf das Immunsystem und greift auch den Krebs direkt an – zumindest sieht es beim Multiplen Myelom sehr danach aus.

Dabei ist es in der Anwendung für die Patienten viel angenehmer als andere Krebsmittel wie Chemotherapeutika, denn bei ihm gibt es keinen Haarverlust, es wird einem nicht schlecht, man kann es als Tablette schlucken und muss nicht wegen Spritzen zum Arzt.

Wie es genau wirkt, weiss man immer noch nicht und es ist keine Kur gegen Krebs, aber es verzögert dessen Fortschreiten in 2/3 der Fälle und gibt den Patienten so mehr Zeit mit ihren Familien, ohne sie sehr zu beeinflussen. Nachteilig ist, dass sich der Krebs an das Thalidomid gewöhnt, wodurch dessen Wirksamkeit mit der Zeit abnimmt. Ganz Nebenwirkungsfrei ist es auch nicht: es ist immer noch ein starkes Beruhigungsmittel, es macht Verstopfung und periphere Neuropathie (Empfindungsstörungen in den Extremitäten).

Es wurde natürlich auch versucht das Medikament sicherer zu machen. Man änderte die Grundstruktur (genauer man ersetzte ein Sauerstoff-Atom durch ein Stickstoff-Atom) – das neue Medikament Revlimid ist tatsächlich noch wirksamer. Und das, obwohl die Forscher bei der Änderung nicht wussten, wie das Medikament überhaupt wirkt und wo sie etwas ändern mussten um es sicherer zu machen.

Revlimid wird wie Thalidomid gegen Krebs eingesetzt. Ausserdem in der Behandlung von AIDS und Multiple Sklerose. Leider ist es auch keine Heilung, aber es macht die Krankheiten erträglicher.
Ganz das Wundermittel ist es aber auch nicht, es steht im Moment im Verdacht, bei längerer Anwendung eventuell selber Krebs zu machen.
In Lösung bricht der Wirkstoff Thalidomid in viele Komponenten auseinander. Er ist also ziemlich instabil. Welche dieser Komponenten die Missbildungen verursacht, weiss man heute noch nicht – und auch nicht, welcher für die Angiogenese verantwortlich ist, oder für die Wirkung auf das Immunsystem

Aber man arbeitet daran .. und wer weiss, vielleicht werden wir es eines Tages wissen.

Und jetzt, da ihr das alles wisst – was meint ihr? Was ist Thalidomid? Furchtbar? Ein missverstandenes Monster-mittel? Sollte man es grundsätzlich verbieten?

Quelle

  


Beitrag Verfasst: Freitag 24. August 2012, 07:52 
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Einweihung des Contergan-Denkmals am 31.08.2012 zum Gedenken an die toten Opfer Grünenthals

23.08.12
Soziales, Wirtschaft, News



von ICTA CONTERGAN

Einige unserer Schicksalsgenossen hoffen und meinen, es gäbe einen Dialog mit Grünenthal dem eigentlichen Schädiger und nehmen an dieser Gedenkfeier teil.
Einen Dialog gab es seit 50 Jahren nicht und den wird es auf dieser drittklassigen Ebene nach Gutsherrenmanier auch in Zukunft nicht geben.

Grünenthal hat sich doch noch nicht einmal entschuldigt bei den Contergangeschädigten und schon würdigen sie ein von ihnen selber bezahltes Denkmal zum Andenken an ihre eigenen Opfertoten.
Macht man da nicht vorschnell aus PR-Gründen den fünften Schritt vor dem Ersten? Wie zynisch und Opfer verhöhnend kann die Firmenleitung denn noch sein?

Da feiert Grünenthal mit einigen wenigen deutschen Opfern in geselliger Eintracht mit ihren Geschädigten die Einweihung eines Denkmals das an ihre eigenen toten Leidensgenossen erinnern soll. Das wäre in etwa vergleichbar als wenn ehemalige NS-Angehörige oder die NPD die Einweihung des Holocaust Denkmals in Berlin bezahlt hätte und dann noch als Honoratioren bei der Einweihung dieses Denkmals als Ehrengäste anwesend wären auf der VIP-Tribüne Platz nehmen und viele noch überlebende Juden nicht zur Einweihungsfeier zugelassen wären. Statt eines Denkmals fordern wir vom Verursacher Schadenersatz in Millionenhöhe für jeden von uns und kein billiges Bronze-Denkmal (Preis ca. 5000 Euro) welches dann in der Vitrine eines unbekannten Museums verstaubt.

Ca. 2700 Conterganopfer leben heute noch in Deutschland und die wurden bis heute nicht angemessen von Grünenthal entschädigt. Es sind weitaus wichtigere Fragen wie angemessener Schadenersatz, Schmerzensgeld, Verdienstausfall sowie die finanzielle Absicherung im Alter bis heute vollkommen ungeklärt. Erst dieses Jahr 2012 wurde einer durch den Wirkstoff Thalidomid des Lizenznehmers Distillers geschädigten Frau in einem außergerichtlichen Vergleich im australischen Sydney mehrere Millionen Australische Dollar vom Rechtsnachfolger Diageo zugesprochen. Ein weiteres Verfahren gegen Grünenthal selber über Schadenersatz in Millionenhöhe ist dort anhängig und wird 2013 verhandelt. Moralisch integer finden wir hingegen z.B die Position des Contergan- Bundesverbands der trotz Einladung der Veranstaltung fern blieb.

Die überwiegende Mehrzahl der Conterganopfer empfinden Abscheu und Ekel der in unseren Augen verlogenen und heuchlerischen "Mildtätigkeitsveranstaltung ". Die Einweihung wird als schamlos, entwürdigend, demütigend und als einen Schlag ins eigene Gesicht in Anbetracht ihres lebenslang erlittenen Leides empfunden. Denn Achtung und Ehrgefühl gegenüber sich selbst und Anstand (auch und gerade) gegenüber den toten Opfern ist unbedingt angebracht. Besonders bedauernswert und skandalös dabei finden wir, das die Conterganopfer selber ihrer eigenen Denkmaleröffnung als geladene Gäste noch beiwohnen und stillschweigend billigend zulassen, das die Mehrheit der Contergan-Behinderten von der Veranstaltung ausgeschlossen werden.

Man tagt als elitärer Club abgeriegelt hinter verschlossenen Türen als wäre die Veranstaltung nicht für die Conterganopfer gedacht. Korrumpierbarkeit hat viele Facetten und Motivationen. Die anwesenden Schicksalsgenossen bilden als hoch willkommene fügsame und artige Marionetten die perfekte Staffage zu diesem abartigen und ekelerregenden Bühnenstück welches treffender lauten sollte: "Contergan-Denkmal vom Täter spendiert - Einweihung durch Grünenthal hinter verschlossenen Türen - Wenige gefügige Opfer durften auch zur Feier kommen ".

ICTA CONTERGAN
(Interessenverband contergan- u. thalidomidgeschädigter Aktivisten)
ICTAContergan@aol.com


VON: ICTA CONTERGAN
quelle: http://tinyurl.com/8o3sbs3

  

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Beitrag Verfasst: Freitag 24. August 2012, 15:14 
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DIE LINKE im Gespräch mit Conterganopfern


24.08.2012 – Fraktion DIE LINKE

Von André Nowak

Zu einer Diskussion über ihren Antragsentwurf für ein 3. Conterganstiftungsänderungsgesetz sowie über Erfordernisse und Möglichkeiten zur weiteren Unterstützung der Contergan-Geschädigten lud die Fraktion DIE LINKE Vertreterinnen und Vertretern von Conterganvereinen und -initiativen am 20. August in den Bundestag ein. Neben dem vorliegenden Entwurf präsentierte die Fraktion auch ganz aktuell die Antwort der Bundesregierung auf ihre umfangreiche Kleine Anfrage zum Conterganskandal. Darin bekräftigte die Bundesregierung, trotz der Studie der Universität Heidelberg aufgezeigten gravierenden Probleme für die Menschen mit Conterganschäden keine kurzfristigen Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenssituation ergreifen zu wollen.

In ihrer Begrüßung verwies die Diana Golze, Leiterin des zuständigen Arbeitskreises und Mitglied im Familienausschuss des Bundestages, auf die Vielzahl der Aktivitäten der LINKEN zum Thema Contergan seit 2006. Sie versicherte, dass ihre Fraktion auch künftig an der Seite der Menschen mit Conterganschäden und ihren Angehörigen stehen wird. Das dies sehr wohl registriert wird, wurde bereits in der Vorstellungsrunde bei den vielen Danksagungen der anwesenden rund 25 Conterganaktivistinnen und -aktivisten deutlich.

Im anschließenden Einführungsstatement stellte Ilja Seifert, behindertenpolitischer Sprecher der Fraktion, die Kernforderungen aus dem vorliegenden Antragsentwurf vor. Nach den Statements von Christian Stürmer, Vorsitzender Contergannetzwerk Deutschland e.V.; Andreas Meyer, Vorsitzender BCG – Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer e.V., Udo Herterich, Sprecher ICTA – Internationale Contergan / Thalidomid Allianz sowie Stefan Nuding, Sprecher U.A.C. – Untersuchungsausschuss Conterganverbrechen folgte eine Diskussion zu den einzelnen Vorschlägen der LINKEN. Im Mittelpunkt dabei standen vor allem Fragen zum Punkt "Entschuldigungen", das soziale Entschädigungsrecht sowie Höhe und Art der künftigen Entschädigungsleistungen und die Frage, in welcher Weise die Familie Wirtz und deren Firmen sich an den diesbezüglichen Kosten künftig beteiligen sollen.

Auf Unverständnis bei den anwesenden Conterganopfern stieß die Begründung für die Nichtteilnahme des Vorstandes des Bundesverbandes Contergangeschädigter e.V. Deren Vorsitzende Margit Hudelmaier schrieb in einem Brief an Ilja Seifert: "Unser Verband ist überparteilich tätig und nur dem Interesse der Betroffenen verpflichtet. Wir halten daher eine Teilnahme an einer sehr parteipolitisch gefärbten Veranstaltung für äußerst kontraproduktiv und möchten daher grundsätzlich davon Abstand nehmen."

DIE LINKE wird auf der Grundlage des Fachgespräches ihren Antragsentwurf noch einmal überarbeiten - mit dem Ziel, nach Beschlussfassung in der Fraktion noch vor dem 40. Jahrestag der Conterganstiftung am 31. Oktober 2012 eine Debatte über die Lebenssituation der Conterganopfer und ihrer Angehörigen sowie notwenige Maßnahmen zu deren Verbesserung im Bundestag zu führen.



Quelle : http://tinyurl.com/buwvdaa

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LG
Frank62 (Der Chef)


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Beitrag Verfasst: Dienstag 28. August 2012, 07:57 
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Die Welt 28.08.12
Ein Denkmal für die Opfer von Contergan

Ausgerechnet der Pharmahersteller finanziert das Mahnmal / Von Henryk M. Broder

Die Stadt Stolberg liegt im Dreiländereck von Belgien, Deutschland und Holland, unweit von Aachen im äußersten Westen des Landes. 1188 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, hat sie sich im Laufe von 800 Jahren "von einer typischen Industriestadt", in der Blei, Glas, Kupfer, Messing und Zink verarbeitet wurden, zu einer "modernen und umweltfreundlichen Stadt mit einem ausgeprägten Profil als Tourismus- und Dienstleistungsstandort" entwickelt. In Stolberg wurde, was kaum jemand weiß, der Druckknopf erfunden. Und in Stolberg soll am 31. August ein Denkmal eingeweiht werden, das weit über die Grenzen der Stadt, der Region Aachen, des Landes Nordrheinwestfalen und der Bundesrepublik für Aufsehen sorgen wird. Die Bronze-Skulptur, heißt es in einer Mitteilung der Stadt Stolberg, stelle ein "Mädchen ohne Arme und mit missgebildeten Füßen auf einem Stuhl sitzend dar". Die Kosten für das Denkmal übernehme die Firma Grünenthal ("Schmerz ist unsere Kompetenz"), ein weltweit operierendes Pharmaunternehmen mit Sitz in Aachen, das im vergangenen Jahr eine knappe Milliarde Euro Umsatz gemacht hat.

Grünenthal, 1946 gegründet, ist auch ein Familienbetrieb, der auf seine ganz spezielle Unternehmenskultur stolz ist. "Wir leben eine ausgeprägte 'winning-culture' und schätzen einen respektvollen und offenen Umgang miteinander." Ziel sei es, "das patientenzentrierteste Unternehmen" auf dem Gebiet der Therapie-Innovation zu werden. Man sei sich der "sozialen Verantwortung" bewusst und praktiziere "Engagement in verschiedene Richtungen", denn: "Wir sind Teil der Gesellschaft. Sie gibt uns, und wir möchten ihr geben."

Was in der ausgiebigen Selbstdarstellung der Firma Grünenthal, in der Aufzählung all der Produkte und Projekte zum Wohle der Patienten nicht vorkommt, ist ein Name, der zum Synonym für Leichtsinn, Geschäftstüchtigkeit und Skrupellosigkeit wurde: Contergan, ein Beruhigungsmittel, das Ende 1957 auf den Markt kam und rezeptfrei abgegeben wurde, hergestellt von Grünenthal in Stolberg bei Aachen.

Es dauerte eine Weile, bis ein kausaler Zusammenhang zwischen der Einnahme von Contergan und schwersten Missbildungen bei Neugeborenen festgestellt wurde, die ohne Arme und Beine zur Welt kamen. Erst einmal glaubte man, Kernwaffentests wären die Ursache.

Erst Ende 1961, vier Jahre nach der Einführung, wurde Contergan vom Markt genommen, einen Tag nachdem die "Welt am Sonntag" am 26. November über die Arbeit zweier Ärzte berichtet hatte, die unabhängig voneinander zu dem Ergebnis gekommen waren, dass Contergan die Ursache der Missbildungen sein musste. Für 5000 bis 10.000 schwerstgeschädigte Kinder, davon etwa 4000 in Deutschland, kam diese Erkenntnis zu spät.

Sieben Jahre später, im Mai 1968, begann vor einer Großen Strafkammer des Landgerichts Aachen der Prozess wegen vorsätzlicher beziehungsweise fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung gegen neun führende Grünenthal-Mitarbeiter. Sie wurden von 20 Anwälten vertreten. Die über 300 Nebenkläger, Eltern contergangeschädigter Kinder, die vom Gericht zugelassen wurden, hatten zwei Anwälte auf ihrer Seite.

Es war ein Prozess, wie ihn Deutschland bis dahin nicht erlebt hatte - was den Aufwand und die Dauer anging, nur noch vergleichbar mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen in den 60er-Jahren. In Aachen wie in Frankfurt wurde im Namen von Opfern verhandelt, die nicht im Gerichtssaal erscheinen konnten. In Aachen wie in Frankfurt saßen auf der Anklagebank Mitarbeiter einer Organisation beziehungsweise eines Unternehmens, die keinen Anflug von Bedauern oder Reue zeigten und jede Verantwortung von sich wiesen.

Was in Aachen im Mai 1968 mit einem Paukenschlag begann, endete nach 283 Verhandlungstagen im Dezember 1970 mit einem Deal. Ohne ein schuldhaftes Verhalten einzuräumen, boten die Vertreter von Grünenthal an, 100 Millionen DM in die Stiftung Hilfswerk für behinderte Kinder einzuzahlen. Die Bundesregierung legte noch einmal 100 Millionen drauf. Das Strafverfahren wurde wegen "geringfügiger Schuld" der am Ende des Prozesses nur noch fünf Angeklagten und wegen "mangelnden öffentlichen Interesses" an der Strafverfolgung eingestellt.

Damit war der Fall erst einmal vom Tisch, aber noch lange nicht vorbei. Zum 50. Jahrstag der Markteinführung von Contergan kam eine Kölner Produktionsfirma auf die Idee, die Geschichte zu verfilmen, als Dokumentation mit fiktionalen Elementen. Grünenthal konnte das Projekt nicht vereiteln, ließ aber nichts unversucht, die Ausstrahlung des Zweiteilers im WDR zu verhindern. Ohne Kenntnis des Films erwirkten die Anwälte von Grünenthal beim Hamburger Landgericht im Juli 2006 eine einstweilige Verfügung gegen die Kölner Filmemacher und den WDR. Der Berliner Rechtsanwalt Jan Hegemann, der die Produktionsfirma vertrat und einige Geschädigte zu seinen Mandanten zählt, erinnert sich: "Die Ausstrahlung des Films ist gut ein Jahr verzögert worden. Auf unsere Berufung hin hat das Hanseatische Oberlandesgericht die Verbotsverfügung des Landgerichts komplett wieder aufgehoben. Danach hat Grünenthal es dann noch beim Bundesverfassungsgericht versucht - vergeblich. Das zum Verfügungsverfahren parallel laufende Hauptsachenverfahren hat dann noch einmal ein Jahr länger gedauert; da war der Film dann aber irgendwann gesendet ..."

Hegemann tritt auch der von Grünenthal verbreiteten Ansicht entgegen, die Contergan-Opfer seien großzügig und unbürokratisch entschädigt worden. Das Gegenteil sei der Fall: "Die 'Contergan-Kinder' kämpfen bis heute gegen Windmühlenflügel um eine angemessene Entschädigung. Fatalerweise hat man Anfang der 70er-Jahre bei der Gründung der Contergan-Stifung als Stiftung des öffentlichen Rechts durch Bundesgesetz für jeden, der Leistungen aus der Stiftung in Anspruch nimmt, alle anderen Schadenersatzansprüche, einschließlich derer für Folgeschäden, ausgeschlossen. Dieses himmelschreiende Unrecht hat leider vor den Gerichten einschließlich des Bundesverfassungsgerichts Bestand gehabt."

Bei der Wahrnehmung der eigenen Interessen versteht Grünenthal keinen Spaß. Nachdem einige Contergan-Opfer zu einem Boykott von Grünenthal-Produkten aufgerufen hatten, reagierte das Unternehmen wieder mit einer einstweiligen Verfügung. Hegemann: "Diese Verbotsverfügung ist nach einer wirklich dramatischen mündlichen Verhandlung wieder aufgehoben worden. Das war der erste Prozesssieg gegen Grünenthal in 30 Jahren. In der Sache völlig belanglos, aber den Contergan-Opfern hat das ungeheuer gutgetan."

Und nun sollen sie auch noch ein Denkmal bekommen, in Stolberg bei Aachen, wo Grünenthal bis vor Kurzem seinen Hauptsitz hatte. Die Firma übernimmt die Kosten, "mehr als 10.000 Euro, hat aber mit dem Denkmal sonst nichts zu tun", sagt Johannes Igel, der vor 50 Jahren mit einer schweren Behinderung geboren wurde. Er bekommt eine monatliche Rente von der Contergan-Stiftung und arbeitet als Sozialhilfesachbearbeiter in einer kleinen Hunsrücker Gemeinde. Das Denkmal war seine Idee, er hat auch den Künstler ausgesucht, der es gestaltet hat, der Aachener Bildhauer Bonifatius Stirnberg.

Igel bestreitet, dass es sich um eine PR-Maßnahme zugunsten von Grünenthal handelt. Ihm geht es darum, "dass die toten Kinder nicht vergessen werden". Auch er will, dass Grünenthal sich bei den Contergan-Opfern entschuldigt und sie angemessen entschädigt. "Das Denkmal ist nur ein erster Schritt." Viele Contergan-Kinder seien inzwischen gestorben. Diejenigen, die noch leben, habe man zu der Einweihung des Denkmals am 31. August eingeladen. Aber nicht alle werden kommen, der Bundesverband der Contergan-Geschädigten etwa will die Feier boykottieren.

Das Ganze ist eine gespenstische Miniatur einer ganz anderen, aber doch ähnlichen Geschichte. Bei der Eröffnung des Berliner Holocaust-Mahnmals im Jahre 2005 durften etliche Juden, die den Holocaust überlebt hatten, als Ehrengäste in den vorderen Reihen Platz nehmen. Man kann nur hoffen, dass die Contergan-Opfer mehr Würde beweisen und der Feier in Stolberg fernbleiben werden.
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Beitrag Verfasst: Mittwoch 29. August 2012, 15:56 
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Ex-Paralympics-Reiterin berichtet
Erst bejubelt, dann im Stich gelassen

Heute starten die 14. Paralympics. Die Contergan-geschädigte Bianca Vogel war bei vergangenen Spielen erfolgreich: Sie holte zwei Dressur-Silbermedaillen. Doch heute sind ihre Schmerzen zu groß fürs Reiten. Für Vogel brach eine Welt zusammen - und sie fühlt sich vergessen.

Von Benjamin Cors, WDR

Quelle und Video und die Kommentare :link

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Beitrag Verfasst: Donnerstag 30. August 2012, 08:15 
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Scharfe Kritik an Pharmafirma wegen Contergan-Denkmal
Aktualisiert am 30.08.2012



Stolberg Kurz vor der Einweihung des weltweit ersten Denkmals für die Opfer des Schlafmittels Contergan üben Opferverbände scharfe Kritik.

«Für uns ist klar, dass es für die Firma Grünenthal eine günstige PR-Massnahme ist», sagte die Sprecherin des Bundesverbandes Contergangeschädigter, Ilonka Stebritz, der Nachrichtenagentur dapd.

«Dass ausgerechnet Grünenthal das Denkmal zahlt, haben wir nicht gewusst.» Die Bronze-Skulptur wird am Freitag (31. August) von der Stadt Stolberg bei Aachen auf Initiative eines Opfers enthüllt.

Die Kosten in Höhe von 5000 Euro hatte der Pharmakonzern Grünenthal übernommen, der Contergan vor mehr als 50 Jahren hergestellt hatte. Tausende schwangere Frauen hatten damals nach Einnahme des als ungefährlich angepriesenen Mittels Kinder mit Fehlbildungen zur Welt gebracht. Statistiken gehen von rund 5000 Opfern aus. 1961 zog das Unternehmen das Medikament zurück.

Erstellt: 30.08.2012, 04:38 Uhr

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Beitrag Verfasst: Donnerstag 30. August 2012, 08:18 
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Contergan
Kritik an Pharmafirma als Sponsor des Contergan-Denkmals
30.08.2012 | 07:21 Uhr
Stolberg Der Sponsor des Denkmals ist ausgerechnet das Unternehmen, das das Schlafmittel hergestellt hat. Tausende schwangere Frauen hatten das Mittel der Firma Grünenthal eingenommen und Kinder mit Fehlbildungen zur Welt gebracht. Die Contergangeschädigten kritisieren, dass Grünenthal das Denkmal nur als medienwirksamen Coup nutzt.
Kurz vor der Einweihung wird das weltweit erste Denkmal für die Opfer des Schlafmittels Contergan scharf kritisiert. "Für uns ist klar, dass es für die Firma Grünenthal eine günstige PR-Maßnahme ist", sagte die Sprecherin des Bundesverbandes Contergangeschädigter, Ilonka Stebritz. "Dass ausgerechnet Grünenthal das Denkmal zahlt, haben wir nicht gewusst." Die Bronze-Skulptur wird am Freitag (31. August) von der Stadt Stolberg bei Aachen auf Initiative eines Betroffenen enthüllt.

Die Kosten für das Denkmal in Höhe von 5000 Euro hatte der Pharmakonzern Grünenthal übernommen, der Contergan vor mehr als 50 Jahren hergestellt hatte . Tausende schwangere Frauen hatten damals nach Einnahme des als ungefährlich angepriesenen Mittels Kinder mit Fehlbildungen zur Welt gebracht. Statistiken gehen von rund 5000 Opfern aus. 1961 zog das Unternehmen das Medikament zurück.
Betroffene sind mit Sponsor nicht zufrieden
Stebritz sagte: "Wir stehen nicht zum Contergan-Denkmal." Der Bundesverband werde der Einweihung trotz Einladung fern bleiben. Bei der Umsetzung sei der Verband nicht ernsthaft involviert worden. "Die Planungen haben wir nur scheibchenweise mitbekommen. Wir wussten lange nicht, wie die Skulptur heißt, und noch länger nicht, wer sie bezahlt." Als Grünenthal als Sponsor zutage getreten sei, seien die Betroffenen "aus allen Wolken gefallen". Auch der Verein Contergan-Netzwerk kritisiert die Finanzierung des Denkmals durch Grünenthal und hat für Freitag eine Demonstration angekündigt.

"Grünenthal hat immer noch nicht erkannt, dass es in der Schuld steht", sagte Sprecherin Stebritz. Es gebe genügend Dinge, die das Unternehmen für Contergangeschädigte tun könne. "Stattdessen entscheidet es sich für einen medienwirksamen Coup. Sie wollen mit möglichst geringen Mitteln den größten Effekt erzielen."

Auch die Art der Skulptur, die ein Kind ohne Arme zeigt, trifft bei dem Verband auf Unverständnis. "Das Bild eines Kindes kommt viele Jahre zu spät", sagte Stebritz. Die rund 2400 noch in Deutschland lebenden Opfer seien inzwischen 50 Jahre und älter. "Unsere wirkliche Lebenssituation wird mit der Darstellung eines Kindes verniedlicht." (dapd)

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