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Beitrag Verfasst: Montag 1. Oktober 2012, 08:02 
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Hier findet Ihr die Presseberichte vom Oktober 2012.
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Beitrag Verfasst: Montag 1. Oktober 2012, 08:09 
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Gerechtigkeit für die Überlebenden des Conterganverbrechens!

30.09.12
SozialesSoziales, Wirtschaft, News



von Untersuchungsausschuss Conterganverbrechen (U.A.C.)

Anlässlich des 55. Jahrestages der Markteinführung der toxischen , teratogenen Thalidomidprodukte Contergan und Contergan Forte in der Bundesrepublik Deutschland (1.10.1957,) fordert der Untersuchungsausschuss Conterganverbrechen (U.A.C.) erneut die vollständige Aufklärung des Conterganverbrechens, Schadensersatz nach zivilrechtlichen Gesichtspunkten und Aufnahme in das Bundesversorgungsetz für die Betroffenen!

Der Sprecher des (U.A.C.), Stephan Nuding, erklärt: "Wir, die Überlebenden des Conterganverbrechens, gehören zu den am meisten diskriminierten Bevölkerungsgruppen der Bundesrepublik. Seit über fünf Jahrzehnten warten wir vergeblich darauf, dass uns Gerechtigkeit widerfährt. Stattdessen erdreistet sich der Grünenthaleigentümerclan, die Familie Wirtz aus Stolberg bei Aachen, uns medienwirksame und steuerlich absetzbare Almosen anzubieten! Anstatt, dass die Bundesregierung und das, für die Contergangeschädigten zuständige Bundesfamilienministerium, endlich die notwendigen Schritte unternehmen, damit wir die finanziellen Mittel erhalten, die uns zu- stehen, werden wir mit Ausreden, halbherzigen Gesetzesänderungen , Vertröstungen und Ignoranz bedacht. Ein Übriges trägt die katastrophale Arbeitsweise verschiedener Organe der Conterganstiftung für behinderte Menschen (Köln) zu unserem Unglück bei. Wir stellen der Bundesregierung heute die Frage: Wie lange wollen Sie noch zuwarten? Spekulieren Sie auf eine biologische Endlösung der Contergangeschädigten?"

"Die Bundesregierung weiß, spätestens nach der Veröffentlichung des Zwischenergebnisses der Studie des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg in diesem Sommer, dass wir völlig unterversorgt sind! Aber anstatt zu handeln, will man in Berlin zuwarten, bis der endgültige Forschungsbericht vorliegt um dann zu entscheiden, ob, wann und wie den deutschen Conterganopfern "geholfen" werden soll. Zynischer geht es nicht mehr! Wir brauchen die Hilfe hier und heute! Bundesregierung, Familienministerium und Bundestag werden sich die Frage gefallen lassen müssen, ob es Vorsatz oder Fahrlässigkeit ist , dass sie weitere Gesundheitsschäden, Verarmung oder sogar den Tod von Mitgliedern unserer Opfergruppe in Kauf nehmen", ergänzt Gihan Higasi (stellv. Sprecherin des U.A.C.).

"Wir haben lange genug erklärt, gebeten, bewiesen und gemahnt. Ab heute fordern wir eine sofortige und nachhaltige Verbesserung unserer Lebenssituation, die uns nach Recht und Gesetz zusteht! Notfalls gehen wir auch wieder in einen unbefristeten Hungerstreik, um auf das Unrecht aufmerksam zu machen, dass uns angetan wird!", heißt es ferner.

Kontakt: Untersuchungsausschuss Conterganverbrechen (U.A.C.) c./o. Stephan Nuding (Sprecher) Postfach 800 160 51448 Bergisch Gladbach Tel.: 02202/1882677 Mobil: 0160/6018601 Email: uacqgmx.net






VON: UNTERSUCHUNGSAUSSCHUSS CONTERGANVERBRECHEN (U.A.C.)

Quelle : http://tinyurl.com/92d4fl5

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Beitrag Verfasst: Montag 1. Oktober 2012, 21:37 
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„Contergan“: Pharma-Unternehmen entschuldigt sich nach 55 Jahren

Deutschland | am 01.10.2012 - 10:22 Uhr |
Anfang der sechziger Jahre kam es zu einer schrecklichen Folge schwerer Gesundheitsstörungen nach Medikamenteneinnahme. Kinder wurden mit gravierenden Missbildungen geboren. Fehlende Gliedmaßen, Missbildungen an den Augen, der Speiseröhre und des Darmtraktes wurden vermehrt diagnostiziert.

In 2009 sollte eine große Impfaktion gegen Schweinegrippe durchgeführt werden. Doch diese Impfung wurde von vielen Ärzten nicht empfohlen sondern sogar abgelehnt. Ein solches Vorgehen könnte durchaus berechtigt sein, denn die schnelle Entwicklung von Medikamenten versetzt uns Menschen immer wieder in Verwunderung- so auch im Fall der Präparate gegen die sogenannte Schweinegrippe. Die Entwicklung und Markteinführung von Celvapan und Pandemrix ging so schnell,dass man glauben könnte die Hersteller wären gegen mögliche Fehler gefeit.
Nur wenige Ärzte warnten vor dem Schlafmittel

Dem scheint nicht immer so zu sein. Immer wieder kommt es vor dass die falsche Richtung eingeschlagen wird. So zum Beispiel ab 1957. Tausende Kinder kamen mit schweren Missbildungen zur Welt. Es hätten leicht zehntausende oder mehr werden können, hätten nicht ein paar Ärzte, vor einem in dieser Zeit neuen Schlafmittel gewarnt.

Es begann mit Thalidomid, von einem Westdeutschen Unternehmen entwickelt, und ab 1957 in Deutschland erstmals auf den Markt gebracht. Dieses Mittel gegen Schlafstörungen wurde zunächst frei, später dann als rezeptpflichtiges Beruhigungs- und Schlafmittel in Deutschland verkauft. Wegen seiner positiven Eigenschaften galt es als das beste Schlafmittel seiner Zeit. Auch andere Länder zeigten Interesse. Nach England wurde das Produkt als Distaval, und nach Portugal als Softenon verkauft. In Kanada wurde Thalidomid unter dem Namen Talimol hergestellt und vertrieben.
„Contergan“ an Missbildungen schuld

Zeitgleich suchten deutsche Wissenschaftler nach einer Erklärung für das Ansteigen von Phokomelie. Ein Hamburger Kinderarzt fand schließlich heraus, dass ungefähr zwanzig Prozent aller Mütter währen der Schwangerschaft das Schlafmittel „Contergan“ eingenommen hatten. Ähnliche Erfahrungen wurden dem Hersteller auch von einigen anderen Medizinern mitgeteilt. Diese Erkenntnisse, und der Verdacht, dass „Contergan“an den Missbildungen vieler Neugeborener schuld sein könnte, trugen dazu bei, dass Thaliomid vom Markt genommen wurde.
Pharma-Unternehmen entschuldigt sich nach 55 Jahren

Ein paar Ärzte sagten nein, sonst wären vermutlich Zehntausende Kinder mit Missbildungen auf die Welt gekommen. Wenn Nebenwirkungen und mögliche Komplikationen bei Medikamenten nicht hinreichend bekannt sind, so ist es nicht verwunderlich, dass gewissenhafte Mediziner nur distanziert oder gar nicht an die Verordnung dieser Mittel herangehen. Verwunderlich dagegen schon, ist der Sachverhalt, dass ein Medikamentenhersteller, dessen Schlafmittel unzähliges Leid bei Müttern, Vätern und insbesondere bei den Geschädigten selbst angerichtet hat, erst nach sechzig Jahren dazu in der Lage ist eine Entschuldigung auszusprechen.
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Beitrag Verfasst: Dienstag 2. Oktober 2012, 14:11 
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02.10.2012 12:35
Jarmer fordert monatliche Rente für Contergan-Opfer

Einmalzahlung geht nicht weit genug - Viele warten bis heute
55 Jahre nach der Markteinführung von Contergan in Deutschland warten die Betroffenen in Österreich noch immer auf Entschädigungszahlungen. Auch in Österreich wurden zahlreiche Kinder geboren, die aufgrund des damals zugelassenen Schlafmittels "Softenon" (weltweit bekannt unter dem Namen Contergan) mit dem Inhaltsstoff Thaliomid behindert auf die Welt kamen. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Ländern gibt es in Österreich von staatlicher Seite keine finanzielle Entschädigung in Form einer monatlichen Rente. Erst im Mai 2010 wurden im Sozialausschuss Einmalzahlungen beschlossen, die bis 31.12. 2010 an die Betroffenen ausbezahlt werden sollten. Laut Auskunft der Selbsthilfegruppe "Contergan Austria" haben bis jetzt erst 26 Personen eine Anzahlung erhalten. Fünf Personen wurden ohne Gutachten negativ beurteilt und über mehr als 20 Personen wurde noch nicht entschieden. Die Zahl der Betroffenen dürfte jedoch höher sein.

"Dass viele Betroffene bis heute auf diese Einmalzahlung warten müssen, ist eine Schande für Österreich", sagt Helene Jarmer, Behindertensprecherin der Grünen. Die Einmalzahlungen sind jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein und gehen aus Grüner Sicht nicht weit genug. Durch eine Studie in Deutschland wurden im Mai 2012 nämlich neue Folgeschäden bei Contergan-Opfern bekannt. Da die Blut-und Nervenbahnen anders als die anderer Menschen verlaufen, stellt für sie jeder chirurgischer Eingriff ein erhebliches Risiko dar. Mit steigendem Alter der betroffenen Menschen erhöhen sich auch die Kosten für Pflege und medizinische Behandlungen. Schon jetzt hat sich der Gesundheitszustand vieler Betroffener zum Beispiel durch Verschleißerscheinungen an Gelenken so stark verschlechtert, dass laut Studie in Deutschland ein Drittel ihrer Erwerbstätigkeit nicht mehr nachgehen könne. "Angesichts des steigenden Alters der Betroffenen, der gravierenden Folgeschäden und drohender existentieller Notlagen ist eine Entschädigung in Form einer monatlichen Rente dringend notwendig" fordert Jarmer und ergänzt: "Das sind wir den vergessenen Opfern der Contergan-Katastrophe schuldig".
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Beitrag Verfasst: Dienstag 2. Oktober 2012, 14:13 
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Vor 55 Jahre kam Contergan auf den Markt
Dienstag, 02 Oktober 2012
„Am 1. Oktober 1957 kam das Schlafmittel „Contergan“ mit dem Wirkstoff „Thalidomid“ auf den deutschen Markt. Es hatte verschiedene Nebenwirkungen von denen eine sehr verheerend war. Alleine in Deutschland kamen bis 1962 zirka 5000 verkrüppelte Kinder zur Welt, von denen die Hälfte nach der Geburt verstarb. Es war die größte Arzneimitteltragödie in der Geschichte der Menschheit.


Am 14. Mai 1958 fragte der FDP Abgeordnete Erich Mende die Bundesregierung, was es mit der zunehmenden Zahl von Missgeburten in Deutschland auf sich habe. Damals waren schon einige Opfer geboren. Ihre Mütter hatten die Ärztemuster genommen. Dazu muss man wissen, dass Contergan Behinderungen verursacht, die in der Natur sehr selten sind. Die Conterganopfer waren also bereits aufgefallen, obwohl die Zahl der „Missgeburten“ insgesamt abgenommen hatte. Das Eugenik Programm der Nazis hatte Wirkung gezeigt.

Weil man glaubte, die Atombombenversuche der Amerikaner und der Sowjets könnten die Kinder verkrüppelt haben, entstand ein viel zu langes Schweigen. Es kam später zu einem Prozess, so dass die Katastrophe fast schon zum Mythos wurde. Weil man glaubte einen allein schuldigen zu haben – eine Entschädigung war damals nur über einen Strafprozess möglich, vergaß man das Leid Opfer schnell. Man ernannte sie zu Helden unter den Behinderten: „Was die alles trotz ihrer Behinderung können!“

So war es lange ruhig bis 2007 der Fernsehfilm „Contergan“ gezeigt wurde. In der anschließenden Fernsehdiskussion „Hart aber Fair“ am 7. November 2007 in der ARD versuchte ich das Schweigen zwischen der Firma und den Opfern zu brechen, indem ich den Enkel des Firmengründers zu einer Tasse Kaffee einlud. Es wurden zwei Tassen und die Firma spendete 50 Millionen Euro. Dabei ging es mir nicht ums Geld! Inzwischen gibt es dazu noch eine Härtefall-Beihilfe und die Absicht, eine eigene Stiftung zu gründen.

Endlich, so schien es, wurde man auf die vergessenen Conterganopfer aufmerksam. Seit einer Studie der Universität Heidelberg herrscht eine gewisse Ernüchterung vor. Die Schäden durch Contergan sind größer als damals festgestellt. Die Betroffenen sind auch nicht die „Helden“ unter den Behinderten, sondern viele kämpfen jeden Tag um ihr Dasein.

Dieses Jahr hat sich die Grünenthal GmbH offen für die Tragödie entschuldigt und möchte den (von mir 2007 angestoßenen) Dialog mit den Opfern verstärkt fortsetzen. Ich habe die Hoffnung, dass man sich nun endlich der Bundesregierung zuwendet, denn sie hatte die Verpflichtung übernommen, die Betroffenen zu versorgen. Sie tat dies nur halbherzig und ignorierte lange den Zusatz einer Entscheidung des Verfassungsgerichtes aus dem Jahr 1976.

Statt einer guten medizinischen Versorgung gibt es heute nur einen einzigen Arzt, der sich mit der Materie auskennt. Seit Sommer 2012 gibt es endlich einen ICD-Schlüssel für die Krankenkassenabrechnung. Den haben Friederike Winter ausKarlsruhe und ich beantragt und durchgesetzt. Statt die finanzielle Versorgung auszubauen, beließ man es lange Zeit bei der Conterganrente und im Notfall der Sozialhilfe. Die Betroffenen wurden so entwertet. Da sollten sie eigentlich nicht alleine leben, aber die Sozialhilfe machte es geradezu unmöglich, Partner zu finden, denn sie wären ebenso in die Sozialhilfe abgestiegen. Das versuchten viele zu verhindern, indem sie arbeiteten, was zu einer großen Verschlimmerung der Folgeschäden führte.

Viele denken, dass es da doch den Bundesverband gäbe, der sich für die Opfer einsetzt. Aber das ist ein Irrtum. Der Bundesverband hat jahrzehntelang versucht, das Ausmaß der Tragödie zu vertuschen. Er behauptete zum Beispiel, dass die Betroffenen unter dem Folgeschaden „Arthrose“ litten, dabei handelt es sich öfters als einem lieb sein kann um angeborene und durch Contergan verursachte Nervenschäden. Sie altern auch nicht schneller als andere, wie es der Bundesverband behauptet hatte.

Auch die Kampagnen gegen die Grünenthal hatten nur zur Folge, dass das wahre Ausmaß der Tragödie unentdeckt blieb. Man wird alle Betroffenen noch einmal untersuchen müssen, um die wahren Schäden festzustellen.

Der Staat muss viel tun! Er muss eine gute medizinische Versorgung aufbauen. Er muss die Opfer aus Hartz4 herausholen. Er muss die Conterganrente erhöhen, denn sie ist auch eine pauschalierte Beihilfe, die unter anderem die Kosten der Behinderung decken soll. Er muss auch - kurz gesagt alles, was die Eingliederungshilfe tut, der Stiftung übertragen, damit nicht die Kinder der Opfer für ihre Eltern zahlen müssen, wenn diese Pflege brauchen. Er muss einen Fond für Einzelleistungen auflegen, und er muss sich überlegen, wie er die Zeit überbrückt, bis alles organisiert ist. Eine einmalige Beihilfe wäre obligat. Sie wäre auch so etwas wie ein Schmerzensgeld für 35 Jahre unnötigen Leidens und sollte entsprechend hoch sein.

Man kann und darf nicht warten, bis die Conterganopfer alle tot sind, bis man endlich Nägel mit Köpfen macht. Bis zum ersten Januar 2013 sollte man die Betroffenen schon aus Hart4 herausgeholt und die Conterganrente angepasst haben. Bis März könnte die einmalige Beihilfe inklusive Schmerzensgeld ausbezahlt sein. Bis Juli 2013 könnten alle anderen Dinge in die Wege geleitet sein, die zum Teil erst in ein paar Jahren ihre volle Wirkung zeigen werden.

Und die Conterganopfer selbst sollten ihre untätige Führung entlassen und sich endlich auf breiter Front für ihre eigenen Belange einsetzen, statt wie ein wilder Haufen zu agieren, der nur auf die Besitzer der Grünenthal los geht, was ja ebenfalls zur Vertuschung der Tragödie beigetragen hat. Man hat die Bunderegierung lange in dem Gauben gelassen, sie bräuchte nichts tun. Irgendjemand hatte den Betroffenen eingeredet, jeder könnte Millionen an Entschädigung bekommen. So mancher Bundestagsabgeordneter hat da die Hände in den Schoß gelegt und nichts getan!

Autor: Christian G. Knabe Quelle

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Beitrag Verfasst: Donnerstag 4. Oktober 2012, 08:17 
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Contergan-Opfer kündigen Hungerstreik an
3. Oktober 2012 | Kategorien: Alltag & Geld,Gesellschaft,News & Berichte | Von: Rollingplanet

Anlässlich des 55. Jahrestages der Markteinführung von Contergan in Deutschland am 1.10.1957 fordert der Untersuchungsausschuss Conterganverbrechen (U.A.C.) erneut Aufklärung und Schadensersatz.

Der Sprecher des U.A.C., Stephan Nuding, erklärt: „Wir, die Überlebenden des Conterganverbrechens, gehören zu den am meisten diskriminierten Bevölkerungsgruppen der Bundesrepublik. Seit über fünf Jahrzehnten warten wir vergeblich darauf, dass uns Gerechtigkeit widerfährt. Stattdessen erdreistet sich der Grünenthaleigentümerclan, die Familie Wirtz aus Stolberg bei Aachen, uns medienwirksame und steuerlich absetzbare Almosen anzubieten!

Anstatt dass die Bundesregierung und das für die Contergangeschädigten zuständige Bundesfamilienministerium endlich die notwendigen Schritte unternehmen, damit wir die finanziellen Mittel erhalten, die uns zustehen, werden wir mit Ausreden, halbherzigen Gesetzesänderungen, Vertröstungen und Ignoranz bedacht. Ein Übriges trägt die katastrophale Arbeitsweise verschiedener Organe der Conterganstiftung für behinderte Menschen (Köln) zu unserem Unglück bei.

Wir stellen der Bundesregierung heute die Frage: Wie lange wollen Sie noch zuwarten? Spekulieren Sie auf eine biologische Endlösung der Contergangeschädigten?”

“Zynischer geht es nicht mehr“

Gihan Higasi, stellv. Sprecherin des U.A.C., ergänzt:

„Die Bundesregierung weiß, spätestens nach der Veröffentlichung des Zwischenergebnisses der Studie des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg in diesem Sommer, dass wir völlig unterversorgt sind! Aber anstatt zu handeln, will man in Berlin zuwarten, bis der endgültige Forschungsbericht vorliegt um dann zu entscheiden, ob, wann und wie den deutschen Conterganopfern ,geholfen‘ werden soll. Zynischer geht es nicht mehr! Wir brauchen die Hilfe hier und heute!

Bundesregierung, Familienministerium und Bundestag werden sich die Frage gefallen lassen müssen, ob es Vorsatz oder Fahrlässigkeit ist, dass sie weitere Gesundheitsschäden, Verarmung oder sogar den Tod von Mitgliedern unserer Opfergruppe in Kauf nehmen.”

“Wir haben lange genug erklärt, gebeten, bewiesen und gemahnt. Ab heute fordern wir eine sofortige und nachhaltige Verbesserung unserer Lebenssituation, die uns nach Recht und Gesetz zusteht! Notfalls gehen wir auch wieder in einen unbefristeten Hungerstreik, um auf das Unrecht aufmerksam zu machen, dass uns angetan wird!”, heißt es ferner in einer Pressemitteilung der Initiative aus Bergisch Gladbach.
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Beitrag Verfasst: Samstag 6. Oktober 2012, 08:06 
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Am 1. Oktober 1957 Jahren begann der Contergan-Skandal. Hat die Wissenschaft daraus gelernt?
Pressemitteilung von: AG STG - Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner

Das Medikament Contergan (Thalidomid) kam am 1. Oktober 1957 auf den Markt. Die Herstellerfirma Grünenthal versandte ca. 40 000 Rundschreiben an Ärzte und Apotheker, in denen es als das beste Mittel für Schwangere und stillende Mütter bezeichnet wurde.

Als «wirklich neues Produkt» habe man seine Sicherheit durch ausgedehnte Tierversuche besonders gründlich überprüft! So wurde es zum beliebtesten Schlafmittel. Jahre nach Markteinführung wurden 10 000 an Armen und Beinen verstümmelte Kinder geboren, deren Mütter während der Schwangerschaft Contergan eingenommen hatten. Der Grund: Der Mensch reagiert auf Contergan 60 mal empfindlicher als die Maus, 100 mal empfindlicher als die Ratte, 200 mal empfindlicher als der Hund und 700 mal empfindlicher als der Hamster.

Und wie reagierte die Politik und die Wissenschaft auf diesen Skandal? Obwohl das Medikament besonders ausführlich im Tierversuch getestet wurde, führte man danach einfach noch mehr Tierversuche durch, u. a. mit verschiedenen Tierarten.

Die Wissenschaft begeht immer noch die gleichen fahrlässigen Fehler
Ein jüngeres Beispiel zeigt, dass Wissenschaftler und Zulassungsbehörden offenbar in den letzten 50 Jahren nicht viel dazu gelernt haben: Seit Markteinführung bis 2003 wurden mehr als 150 Babys, deren Mütter das Aknemedikament Roaccutan (Isotretinoin) der Schweizer Firma Roche einnahmen, mit Fehlbildungen geboren. Noch wesentlich mehr Schwangerschaften endeten mit Fehlgeburten. 2006 und damit erst als bereits zahlreiche Kinder Schaden erlitten hatten, ergriff die amerikanische Zulassungsbehörde für Medikamente (FDA) Massnahmen.

Wie konnte es zu diesen erneuten Fehlbildungen kommen?
Für die Zulassung eines Medikamentes werden von den Zulassungsbehörden auch sogenannte Teratogenitätsprüfungen verlangt, also Tierversuche, welche die Gefahr für Fehlbildungen des Fetus bzw. Embryos erkennen sollen. Besonders gerne werden hierfür trächtige Menschenaffen verwendet. Der als Oberarzt tätige Alexander Walz weist darauf hin, dass sich nur in 50% solcher Tierversuche eine Übereinstimmung mit dem Menschen zeigt: «Dies führt weiterhin zu einem völlig inakzeptablen Risiko für Schwangere bzw. deren ungeborene Kinder. Es ist ein Skandal, dass schwangere Frauen heute noch dem gleichen Risiko für Fehlbildungen und Fehlgeburten bei Einnahme neuer Medikamente ausgesetzt sind wie noch vor 55 Jahren, weil unsere Forscher und Zulassungsbehörden immer noch an den mittelalterlichen, unzuverlässigen Tierversuchen festhalten. Denn auch beim Medikament Roaccutan täuschten die Tierversuche an Mäusen und Ratten eine falsche Sicherheit vor, wie der Forscher Nau bereits 2001 aufdeckte.»

Renommierte Wissenschaftler der Vereinigung Antidote Europe weisen seit langem darauf hin, dass der Mensch nicht eine 70 kg schwere Ratte ist und wir deshalb nicht mehr länger auf Tierversuche vertrauen sollten. 2002 kam die toxikologische Arbeitsgruppe des englischen Regierungshauses «House of Lords» zu dem Ergebnis, dass die Verwendung zweier verschiedener Tierarten bei Sicherheitstests von Arzneien kein wissenschaftlich seriöses Unterfangen ist, sondern vielmehr als Eingeständnis zu werten ist, dass die Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf Menschen übertragen werden können.

Die Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner, kurz AG STG, fordert seit langem die konsequente Förderung und Anwendung von tierversuchsfreien Forschungsmethoden statt der Verschwendung von Geldern für gefährliche, völlig veraltete Testmethoden. Innovative, tierversuchsfreie Forschungsmethoden sind ein klarer Fortschritt und nicht ein Ersatz für Tierversuche.
Die AG STG fordert ein Umdenken in Politik und Forschung. Will die Schweiz auch in Zukunft zu den führenden Forschungsnationen gehören, müssen wir uns vom Tierversuch verabschieden und den Weg frei machen für schnellere, preiswertere und vor allem zuverlässigere Forschungsmethoden.

Weitere Informationen über Tierversuche und über die AG STG finden Sie unter: http://www.agstg.ch


Quellen:
[1] Accutane Birth Defects http://www.onlinelawyersource.com/accut ... h-defects/ Zugriff 11. 4. 2012
[2] Nau H.: Teratogenicity of isotretinoin revisited: species variation and the role of all-trans-retinoic acid. J Am Acad Dermatol. 2001 Nov; 45(5): S183-7 http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11606951
[3] People are not 70 kg rats antidote-europe.org/campaigns/people-are-not-70kg-rats Zugriff 11. 4. 2012
[4] House of Lords Select Committee on Animals in Scientific Procedures, 2002

Diese Pressemitteilung wurde auf openPR veröffentlicht.

AG STG – Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner
Ansprechpartnerin:
Cristina Roduner
Brisiweg 343
CH-8400 Winterthur
E-Mail:
Internet: http://www.agstg.ch

Die Organisation AG STG (Aktionsgemeinschaft Schweizer Tierversuchsgegner) besteht seit 1981. Sie lehnt Tierversuche aus medizinischen, aus wissenschaftlichen sowie aus ethischen Gründen ab. Die Organisation engagiert sich für einen innovativen, zukunftsorientierten und führenden Forschungsstandort Schweiz und somit für eine Wissenschaft ohne Tierversuche. Die medizinische Wissenschaft muss sich endlich wieder am Menschen orientieren und dabei die Ursachenforschung und die Vorbeugung gegen Krankheiten in den Vordergrund stellen.
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Beitrag Verfasst: Samstag 6. Oktober 2012, 14:24 
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Wenn der Staat stiften geht

Von 1957 bis 1961 war Contergan rezeptfrei in Apotheken erhältlich. In der Bundesrepublik kamen etwa 5 000 Menschen mit einer Contergan-Schädigung zur Welt.

von Anina Valle Thiele



Contergan, einst aggressiv als Wundermittel gegen Übelkeit beworben, steht für den folgenschwersten Arzneimittelskandal des 20. Jahrhunderts und für scheinbar unerklärliches Leid: ein Skandal, der Deutschland 1960 in einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Glaubens an den Fortschritt überraschte. Während die Arzneimittelbranche boomte und monatlich rund 75 Präparate neu auf den Markt kamen, ereignete sich der Vorfall. Das schlechte Gewissen ist in Gestalt Contergan-Geschädigter bis heute präsent. Ihr Auftreten prägte die öffentliche Wahrnehmung behinderter Menschen. An den Anblick von Kriegsinvaliden war man gewöhnt, an junge Menschen mit verkürzten Armen und Beinen nicht. Hier hatte ein profitgieriges Unternehmen gepfuscht, hatten Chemiker mit NS-Vergangenheit etwas zusammengebraut und Menschen mit körperlichen Fehlbildungen waren das Resultat – so lautete eine Deutung des Skandals. Dass der Staat Anfang der siebziger Jahre gemeinsam mit dem Hersteller Grünenthal eine Stiftung schuf, um das Pharmaunternehmen zu schützen und die Contergan-Geschädigten damit gleichsam enteignete, ist bis heute kaum bekannt.

Nach einem halben Jahrhundert könnte Gras über die Sache gewachsen sein. Doch vielen der heute noch lebenden Menschen mit Schädigungen geht es schlecht: Ihre verschlissenen Gelenke machen ihnen zu schaffen, die spärliche Rente reicht kaum zum Leben und eine dringend benötigte Assistenz ist unbezahlbar, wie kürzlich eine Studie der Universität Heidelberg über Versorgungsdefi­zite Contergan-Geschädigter nachwies. Bis heute warten sie auf eine angemessene Entschädigung und auf eine wirkliche Entschuldigung.

Jahrestage haben den Nachteil, öffentliche Erinnerung zu provozieren. Ende August enthüllte Harald Stock, Konzernchef von Grünenthal, am Sitz des Pharmaunternehmens in Stolberg bei Aachen im Rahmen einer feierlichen Zeremonie ein Denkmal – die bronzene Skulptur eines kleinen Mädchens mit verkümmerten Armen und Beinen. Außerdem rang er sich gegenüber den Contergan-Geschädigten eine Entschuldigung dafür ab, dass Grünen­thal so spät auf sie zugehe. Irgendwie habe man den Weg zu ihnen nicht gefunden, so Stock. Dennoch beharrte er darauf: »Grünen­thal hat bei der Entwicklung von Contergan nach dem damaligen wissenschaftlichen Kenntnisstand gehandelt.« Wenige Tage später kündigte er an, man werde zudem eine neue Stiftung gründen, sie solle »das vor einem Jahr auf­gelegte Programm zur Unterstützung von Härtefällen ergänzen«.

Die »Katastrophe« um Contergan hätte, wenn nicht vermieden, so doch viel früher erkannt und begrenzt werden können. Obwohl bereits Mitte 1958 die ersten »Contergan-Kinder« zur Welt kamen, dauerte es noch mehr als drei Jahre, bis der Zusammenhang zwischen der Einnahme des Wirkstoffs Thalidomid und den Fehlbildungen erkannt beziehungsweise eingeräumt wurde. Während in den USA eine für die »Food and Drug Administration« tätige Pharmazeutin 1960 die Verträglichkeit von Thalidomid in Zweifel zog und seine Zulassung verhinderte – einige Proben kamen dennoch in Umlauf –, suchte die Bundesregierung lange nach anderen Ursachen. Vermutet wurde unter anderem Radioaktivität als Grund. Ein echtes Arzneimittelrecht wurde erst in den Folgejahren geschaffen, wirksame Kontrollinstitu­tionen existierten nicht. Der Kinderarzt Widukind Lenz begann auf eigene Faust zu recherchieren und präsentierte sein Ergebnis im November 1961. Kurz darauf erschien ein Enthüllungsartikel in der Welt – am folgenden Montag war das Medikament nicht mehr in westdeutschen Apotheken erhältlich.

Aufgrund »geringfügiger Schuld der Angeklagten und mangelnden öffentlichen Interesses« wurde der Prozess, der 1968 vor dem Aachener Landgericht gegen Beteiligte von Grünenthal wegen vorsätzlicher Körperverletzung und fahrlässiger Tötung begann, im Dezember 1970 eingestellt. Grünenthal wurde nicht von jeder Schuld entlastet, doch Produkthaftung sollte offenbar keine Schule machen. An der Verteidigung von Grünenthal nahm die Anwaltssozietät von Josef Neuberger teil, der als nordrhein-westfälischer Justizminister oberster Dienstherr des Verfahrens war, das von einem zweifelhaften Deal begleitet wurde. Im April 1970 schloss Grünenthal einen Vergleich mit den Eltern der Geschädigten über 100 Millionen D-Mark. Eine Stiftung wurde eingerichtet. Das Geld kam jeweils zur Hälfte von Grünenthal und aus dem Bundeshaushalt. Aus diesem Fonds erhalten die Geschädigten bis heute eine Rente, die bis 2008 maximal 545 Euro betrug. 2009 wurde sie auf maximal 1 152 Euro angehoben, aber angesichts der Lebensumstände reicht sie bei weitem nicht aus.

Das Stiftungsmodell empfinden viele der heute noch etwa 2 700 in Deutschland lebenden Geschädigten als Versuch der Protektion der Firma Grünenthal. »Stellen Sie sich vor: Es gibt ein Bundesgesetz, damit werden sämtliche Ansprüche von schwerstgeschädigten Kindern, von Tausenden Opfern gegen eine einzelne Firma zum Erlöschen gebracht«, sagt Christian Stürmer vom Contergannetzwerk Deutschland e.V. Er spricht von einer »Enteignung« der Individualansprüche und fordert, die Bundesrepublik als Haftungsnachfolger in die Pflicht zu nehmen und auf Contergan-Geschädigte fortan das Soziale Entschädigungsrecht anzuwenden. Ähnlich sieht es Ilja Seifert, Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, der den Vergleich als »sittenwidrig« und »unter Druck zustande gekommen und Diktat zu Lasten Dritter« wertet, da die Eltern zwar das Erziehungsrecht gehabt hätten, nicht aber das Recht, auf alle Zeit hinaus für ihre Kinder Schadensersatzansprüche auszuschließen. Er will deshalb über den Bundestag eine Revision der Contergan-Entschädigung erreichen.

Grünenthal hat in der Vergangenheit nur auf öffentlichen Druck reagiert. So etwa nach der Ausstrahlung des WDR-Films »Contergan« im Jahr 2007, gegen den das Unternehmen erfolglos prozessierte. 2009 zahlte das Unternehmen einmalig weitere 50 Millionen Euro in die Stiftung ein. Als ernsthafte Bedrohung für das Unternehmen, das wirtschaftlich gut dasteht und eine Internationalisierung der Absätze anstrebt, könnten sich die Entschädigungsklagen in den USA erweisen, nicht nur wegen möglicher fälliger Zahlungen in für mögliche spätere Klagen exemplarischer Höhe, sondern auch im Hinblick auf das Firmenimage. In den USA wird Grünenthal sehr viel deutlicher mit der NS-Vergangenheit der Besitzerfamilie Wirtz und damaliger Wissenschaftler des Unternehmens konfrontiert. Anfang September titelte die Newsweek »The Nazis and Thalidomide: The Worst Drug Scandal of All Time« und schilderte Zusammenhänge zwischen Wirkstoffversuchen in Konzentrationslagern und dem späteren Contergan.

Ob die verdruckste Entschuldigung, das Denkmal und die neue Firmenstiftung deshalb Zeichen dafür sind, dass die derzeitige Firmenleitung »ein winziges bisschen freier« mit der Firmengeschichte umgehen könnte, wie Seifert meint, oder doch strategischem Kalkül folgen? Stürmer hat jedenfalls konkrete Vorstellungen: »Von der Firma Grünenthal fordern wir, dass sie ihre Härtefallgeschichten, also diese Bettelkons­truktion, die sie da aufgebaut haben, einstellen und diese Beträge verwenden, um den Geschädigten endlich mal ein Schmerzensgeld zu zahlen.« Zumindest will er Leistungen durchsetzen, die andere Geschädigte in ähnlichen Situationen bekämen, beispielsweise Kriegsversehrte, Unfallgeschädigte oder pharmazeutisch Geschädigte. Mittlerweile hat das Contergannetzwerk Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Über die Zulassung soll noch bis Ende des Jahres entschieden werden.

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Beitrag Verfasst: Dienstag 16. Oktober 2012, 17:15 
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kobinet-nachrichten 16.10.2012 - 16:50
Conterganopfer erwarten Taten jetzt
Berlin (kobinet) Die Bundestagsfraktion der Linken verabschiedete heute einen Antrag, der die Lebenssituation der durch Contergan geschädigten Menschen mit einem 3. Conterganstiftungsänderungsgesetz und weiteren Maßnahmen spürbar verbessern würde. Der Antrag soll in der kommenden Woche - auch mit Blick auf den 40. Jahrestag der Conterganstiftung - im Bundestag in 1. Lesung diskutiert werden.

Dazu erklärte der behindertenpolitische Sprecher der Fraktion, Ilja Seifert:

Vor 40 Jahren, am 31.10.1972, nahm die Conterganstiftung ihre Tätigkeit auf. Ihren Auftrag, für eine angemessene Lebenssituation der Conterganopfer zu sorgen, hat sie bis heute nur unzureichend erfüllt. DIE LINKE schlägt deshalb in Abstimmung mit den Organisationen der Betroffenen Veränderungen im Conterganstiftungsgesetz und weitere Maßnahmen vor. Dazu gehören eine Entschuldigung von Bundestag, Bundesregierung, Justiz und der Familie Wirtz; mehr Rechte für die Betroffenen in der Stiftung und höhere Leistungen.

Die Lebenssituation der Conterganopfer und ihrer Angehörigen ist seit Jahren bekannt. Am 27. Juni 2012 wurde im Familienausschuss der Zwischenbericht der Studie "Wiederholt durchzuführende Befragungen zu Problemen, speziellen Bedarfen und Versorgungsdefiziten in Deutschland lebender contergangeschädigter Menschen" des Institutes für Gerontologie der Universität Heidelberg vorgestellt. Deren Handlungsempfehlungen ähneln den seit mehreren Jahren bestehenden Forderungen von Conterganopfern und ihren Verbänden. Die Bundesregierung hätte schon längst Handeln können, hat aber statt dessen durch Untätigkeit den Leidensdruck unnötig vergrößert. Ich erwarte, dass der Bundestag sich endlich ernsthaft und umfassend mit der Lebenssituation der Conterganopfer und ihrer Angehörigen beschäftigt und kurzfristig für die notwendigen Änderungen sorgt. Der vorliegende Antrag der LINKEN ist dafür eine gute Grundlage. sch

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17.10.2012 - 00:05
Conterganopfer im Bundestagsausschuss

Berlin (kobinet) Mit der immer schwieriger werdenden Lebenssituation der contergangeschädigten Menschen in Deutschland befasst sich heute der Bundestagsausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Im Gespräch mit dem Parlamentarischen Staatssekretär Hermann Kues, der Vorsitzenden der Conterganstiftung, Antje Blumenthal, sowie Vertreterinnen und Vertretern des Stiftungsrates sollen speziell zwei Themen beraten werden.

Erstens geht es um den Stand der Umsetzung und Wirkung des 1. und 2. Gesetzes zur Änderung des Conterganstiftungsgesetzes. Zweitens ist darüber zu diskutieren, ob und wie die im Antrag "Angemessene und zukunftsorientierte Unterstützung der Contergangeschädigten sicherstellen" gestellten Forderungen umgesetzt werden.

Vor fast 51 Jahren wurde das Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan vom Markt genommen, weil es nach der Einnahme in der Schwangerschaft bei Tausenden von Neugeborenen zu Fehlbildungen oder zum Fehlen von Gliedmaßen und Organen führte. "Rund 2.700 Contergan-Opfer leben derzeit in Deutschland, und die Spätfolgen ihrer Behinderung werden immer deutlicher", heißt es in der Ankündigung von Menschen - das Magazin, das am 27. Oktober über zwei betroffene Frauen berichten wird.

Brigitte Rohr aus Köln wurde ohne Arme und Beine geboren. Sie braucht rund um die Uhr Assistenz. "Wir sind immer Bittsteller, werden oft diskriminiert. Dabei haben wir doch keine Schuld an dem, was uns passiert ist", so die 50-Jährige in der demnächst ausgestrahlten Sendung des Zweiten Deutschen Fernsehens.

"Die Politik steht im Wort" ist eine aktuelle Pressemeldung des Bundesverbandes Contergangeschädigter überschrieben, dessen Vorsitzende für das Gespräch im Bundestagsausschuss angekündigt wurde. Die validen Daten, die das Parlament für eine fundierte Entscheidung für erforderlich hielt und daher angefordert hat, liegen nun vor. Margit Hudelmaier hofft "auf einen Durchbruch zu einer wirklichen Hilfe für die Betroffenen", denn die politischen Entscheider hätten viel Zeit in dieses Thema investiert. "Und ich könnte mir vorstellen, dass sie nun auch noch selbst entscheiden wollen, bevor die Legislaturperiode endet.“

Neben den nun vorliegenden Ergebnissen erfordert auch die internationale Gerechtigkeit beherzte Entscheidungen seitens der Politik, meint der Bundesverband: Eine von der Conterganstiftung in Auftrag gegebene Studie belegt eines deutlich: Thalidomid-Opfer in anderen Ländern werden besser unterstützt als in Deutschland.

So weisen die Zahlen aus, dass ein Schwerstgeschädigter in Großbritannien im Durchschnitt der letzten 10 Jahre
einen Betrag von 62.318,85 Euro pro Jahr erhielt, ein Geschädigter in Deutschland jedoch lediglich 6.293,74 Euro – mithin also nur 10 Prozent. sch

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Beitrag Verfasst: Donnerstag 18. Oktober 2012, 07:59 
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Contergan: Die Politik steht im Wort
Mittwoch, 17 Oktober 2012
Allmendingen – Die so genannte Entschuldigung von GRÜNENTHAL hat in der Öffentlichkeit hohe Wellen geschlagen. Durch dieses hohe mediale Interesse drangen andere Entwicklungen nicht mehr durch, die für die Contergangeschädigten in Deutschland eine deutliche höhere Bedeutung haben. Denn jetzt liegt der Politik der offizielle Zwischenbericht des 2008 vom Deutschen Bundestages initiierten Forschungsprojektes vor, mit dem die Versorgungsdefizite und individuellen Bedarfe der Betroffenen auf wissenschaftlicher Basis ermittelt werden. Der Titel: „Wiederholt durchzuführende Befragungen zu Problemen, speziellen Bedarfen und Versorgungsdefiziten von contergangeschädigten Menschen“.


Die Fakten, die bis jetzt durch das beauftragte Institut für Gerontologie an der Universität Heidelberg ermittelt wurden, bestätigen bereits die Probleme, auf die der Bundesverband Contergangeschädigter seit Jahren mit großer Dringlichkeit hinweist:

Zu den ursprünglich bereits zum Teil schweren Conterganschädigungen stellen sich durch die jahrzehntelange Fehlbelastung von Wirbelsäule, Gelenken und Muskulatur heute zusätzlich Spät- und Folgeschäden ein, die einen altersuntypisch steigenden Bedarf z. B. an pflegerischen und therapeutischen Leistungen erfordern.

Dem erhöhten Bedarf steht der zunehmende Ausfall der bisher wichtigsten Helfergruppen entgegen: der eigenen Eltern, Partner und erwachsenen Kinder.

Gleichzeitig versiegen die Finanzquellen durch eine vorzeitige Erwerbsunfähigkeit mit entsprechenden Einbußen bei der Rente und durch den Wegfall der Zuschüsse, die an eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit gebunden sind.

Das Forschungsprojekt wurde auf breiter parlamentarischer Basis auf den Weg gebracht

Der Forschungsbericht weist nun nach, dass dieses Dilemma in den letzten fünf Jahren eine besondere Dynamik angenommen hat: „Frühverrentungen sind zu 95% durch die Conterganschädigung und deren Folgen bedingt.“ Die Folge: Ob Therapie, Assistenz, Pflege oder Mobilität – überall herrscht eine ausgeprägte Unterversorgung der Betroffenen, weil ihnen das Geld fehlt. Kurz: die Zeit läuft. Das Forschungsprojekt, das mit breiter Unterstützung der Bundestagsfraktionen von CDU, CSU, FDP und SPD auf den Weg gebracht wurde, hat damit seinen Zweck erreicht. Die validen Daten, die das Parlament für eine fundierte Entscheidung für erforderlich hielt und daher angefordert hat, liegen nun vor. Und das Positive daran: Viele der Politiker, die den Entschließungsantrag unterstützt haben, sind heute noch aktiv im Bundestag, in den Ministerien sowie in der Conterganstiftung. „Es ist gerade diese personelle Kontinuität“, so Margit Hudelmaier, Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigter e. V., „die uns große Hoffnung auf einen Durchbruch zu einer wirklichen Hilfe für die Betroffenen macht. Denn die politischen Entscheider haben viel Zeit in dieses Thema investiert. Und ich könnte mir vorstellen, dass sie nun auch noch selbst entscheiden wollen, bevor die Legislaturperiode endet.“ Gute Gründe für eine beherzte Entscheidung durch die Politik

Neben den nun vorliegenden Ergebnissen erfordert auch die internationale Gerechtigkeit beherzte Entscheidungen seitens der Politik:

Eine von der Conterganstiftung in Auftrag gegebene Studie der renommierten Rechtsanwaltskanzlei DLA Piper belegt eines deutlich: Thalidomid-Opfer in anderen Ländern werden besser unterstützt als in Deutschland. So weisen die Zahlen aus, dass ein Schwerstgeschädigter in Großbritannien im Durchschnitt der letzten 10 Jahre einen Betrag von 62.318,85 € pro Jahr erhielt, ein Geschädigter in Deutschland jedoch lediglich 6.293,74 € – mithin also nur 10%!

Im Juli dieses Jahres ist in Australien ein Durchbruch in dem gerichtlichen Verfahren gegen den dortigen Contergan-Vertreiber gelungen: Sämtliche an der Sammelklage beteiligten Thalidomid-Opfer erhalten im Rahmen eines Vergleichs Summen zugesprochen, die ihnen ein Leben ohne demütigende Antragstellungen und Rechtfertigungen sicherstellen. Das Ergebnis des Vergleichs wird auch auf die Geschädigten in Neuseeland ausgeweitet.

Das Bundesverfassungsgericht hat bereits im Jahre 1976 den Staat ausdrücklich dazu aufgefordert, Hilfen und Mittel zur Verfügung zu stellen, die den Bedarfen der Betroffenen gerecht werden. Nach der allgemeinen rechtlichen Verpflichtung zur Bedarfsdeckung stehen durch die Forschungsergebnisse nunmehr auch die konkreten Bedarfe fest. Es besteht damit kein Grund mehr, den derzeitigen Zustand der wissenschaftlich belegten permanenten Unterversorgung beizubehalten.

Quelle: Bundesverband Contergangeschädigter e.V.

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Beitrag Verfasst: Donnerstag 18. Oktober 2012, 08:03 
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17.10.2012 - 19:14
Unterschiedliche Bilanz über Contergan-Entschädigungen

Berlin (kobinet) Die Bundesregierung zieht eine insgesamt positive Bilanz aus dem Zweiten Änderungsgesetz des Conterganstiftungsgesetzes, das Ende Juni 2009 in Kraft getreten ist. Das berichtet der parlamentarische Informationsdienst "Heute im Bundestag" aus dem Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Vertreter der Conterganstiftung und der Betroffenenverbände mahnten jedoch Verbesserungen bei der Novellierung des Gesetzes an.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Familienministerium, Hermann Kues (CDU), informierte den Ausschuss über die Umsetzung des Gesetzes und eines fraktionsübergreifenden Antrags von CDU/CSU, SPD und FDP vom Dezember 2008. Nach Angaben von Kues sind nach Abschaffung der bis dahin geltenden Ausschlussfrist zur Geltendmachung von Leistungen im Jahr 2009 insgesamt 565 neue Anträge eingereicht worden. 65 seien bisher bewilligt worden, 126 Antragsverfahren seien noch nicht abgeschlossen. In neun Fällen sei ausschließlich eine einmalige Kapitalentschädigung bewilligt worden, in 56 Fällen eine Kapitalentschädigung und die Zahlung einer monatlichen Conterganrente. Seit der Gesetzesänderung sei die Mindestrente von 248 auf 255 Euro und die Höchstrente von 1.090 auf 1.152 Euro angehoben worden.

Vertreter der Conterganstiftung und der Betroffenenverbände bestätigten den Abgeordneten des Ausschusses zwar, dass die Gesetzesänderung zu Verbesserungen für die Geschädigten geführt habe. Gleichzeitig mahnten sie jedoch Verbesserungen bei der Novellierung des Gesetzes an. Udo Herterich, stellvertretendes Mitglied im Stiftungsrat der Conterganstiftung und Sprecher der Internationalen Contergan und Thalidomid Allianz, verwies auf die hohe Sterblichkeitsrate bei Contergangeschädigten. „Lassen Sie uns in Würde und Selbstbestimmung leben“, appellierte er an den Ausschuss. Die Bedarfe der Menschen mit einer Schädigung würden mit ansteigendem Alter schließlich größer werden.

Margit Hudelmaier, Mitglied im Stiftungsrat und Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigter, beklagte die immer noch mangelhaften Beratungsangebote für Geschädigte. Sie forderte den Gesetzgeber auf, die Handlungsempfehlungen des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg bei einer Gesetzesnovelle zu beachten. Das Institut war gemäß des fraktionsübergreifenden Antrags aus dem Jahr 2008 mit der Ermittlung des tatsächlichen Bedarfs von Geschädigten beauftragt worden. Die Vorsitzende des Familienausschusses, Sibylle Laurischk (FDP), kündigte an, dass der Abschlussbericht der Heidelberger Untersuchung, der bis zum Ende des Jahres vorliegen soll, in einer öffentlichen Anhörung ausführlich thematisiert werde. sch

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Beitrag Verfasst: Samstag 20. Oktober 2012, 14:15 
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Contergan-Katastrophe: Wie aus der Tragödie ein Skandal wurde

Von Axel Borrenkott | 20.10.2012, 09:40

Aachen. Contergan und die Folgen, ein Thema und seine Bilder, die die Geschichte der Bundesrepublik noch lange prägen werden. Wie aber aus der Tragödie der Skandal wurde, der die Gesellschaft verändert hat, das erforscht jetzt eine junge Aachener Historikerin.

Das hübsche Plakat zeigt ein flottes Tanzpärchen - Typ kesse Biene und schmucker Rex Gildo - gezeichnet im Stil der Modezeitschriften der 1950er Jahre; abseits stehend, neidisch auf die beiden schielend, ein armer Tropf, die Hände in den Hosentaschen. Darunter heißt es: «Angst und Kontaktschwäche 3x1 Tabl. Contergan oder 2 Teelöffel Contergan-Saft». Auf dem Foto daneben ist ein Taschenkalender abgebildet. Am 23. August 1961 der Eintrag: «Geburt. Warum, warum. O Gott!». Solche Bilder illustrierten im Jahr 2007 die «Skandale in Deutschland nach 1945» in einer Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte. Kopfschüttelnd und betroffen zugleich standen die Betrachter damals davor, erklären musste man eigentlich nichts mehr.

Über Contergan und die Folgen war die Öffentlichkeit vor fünf Jahren längst im Bilde. Es hatte nicht der eindrucksvollen Karriere des Sängers Thomas Quasthoff bedurft, um beim Anblick eines Contergan-Geschädigten Worte wie «Missbildung» oder «Missgeburt» für unsäglich zu halten. Mit Unverständnis nahm die Öffentlichkeit zur Kenntnis, wie schwer sich der Hersteller Grünenthal immer noch mit einer angemessenen Entschädigung, erst recht einer Anerkennung seiner Schuld tat, wie auch mit der Ausstrahlung des ebenfalls 2007 gezeigten Fernsehfilms «Eine einzige Tablette». Contergan, ein Skandal, der kein Ende finden kann.

Ein Skandal, der auch einen späten Anfang hatte. Contergan wird vom 1. Oktober 1957 bis zum 26. November 1961 vertrieben, bis zu 20 Millionen Tabletten pro Monat weltweit. Ein Modemittel für Einsame und Schlaflose, für Kinder mit Himbeergeschmack. Über Fehlbildungen bei Neugeborenen diskutiert der Bundestag schon 1958, Atomwaffentests werden vermutet. Ende Dezember 1960 machen Mediziner erstmals auf die fruchtschädigende Wirkung von Thalidomid aufmerksam, das führt zur Rezeptpflicht im August 1961.

Im gleichen Monat schreibt der «Spiegel» unter dem Titel «Zuckerplätzchen forte» über Nervenschäden. Am 18. November präsentiert der Hamburger Kinderarzt Widukind Lenz seinen dringenden Verdacht auf einer Tagung. Am 26. November 1961 berichtet darüber die «Welt am Sonntag» unter der Überschrift «Mißgeburten durch Tabletten?», ohne Namen zu nennen: «Es ist höchste Zeit, dass die Behörden eingreifen, und zwar sofort.» Am nächsten Tag ist Contergan vom Markt. Doch das Medienecho bleibt zunächst gering, möglicherweise auch ein Erfolg der Pressearbeit von Grünenthal. Januar 1962 ist Contergan fast vergessen.

Glaube an Autoritäten

«Die Zeitgenossen empfanden die Entdeckung zunächst nicht als einen Skandal, der mit unserem heutigen Skandalverständnis zu vergleichen ist. Was heute zu öffentlichem Druck und politischen Rücktritten führen würde, blieb 1961 noch ohne nennenswerte Konsequenzen. Der eigentliche Skandal setzte erst ein, als Journalisten und Betroffene massiv in den Medien die Forderung nach staatlich-finanzieller Hilfe und einer staatlichen Positionierung stellten. Wer war für dieses Unglück verantwortlich?»

Was die junge Aachener Historikerin Anne Günther uns hier vor Augen führt, kann man sich im medialen Rausch von heute, der Politiker wegen missbräuchlich genutzter Bonusmeilen binnen Wochen von der Karriereleiter weht, kaum mehr vorstellen: Die Gesellschaft der 1960er Jahre musste erst einmal lernen, wie ein Skandal hergestellt wird. Die Geburt einer kritischen Öffentlichkeit, das Verlangen nach Konsequenzen und der Übernahme von Verantwortung war ein langer Prozess. Das Versagen von Technik und Wissenschaft, Skepsis gegenüber dem Fortschritt war der aufstrebenden, konfliktscheuen Wirtschaftswunder-Republik noch fremd.

Wie sich im Laufe der 1960er Jahre die politische Kultur änderte, der Sprachgebrauch sich wandelte, aus «Missgeburten» «Behinderte» und kontrollierte Arzneimittelstudien und Produkthaftung Pflicht wurden, der Glaube an Autoritäten einer kritischen Hinterfragung wich, was vor allem auch die Rolle und die Verantwortung der Medien stärkte: diesen bisher in seinen ganzen Dimensionen nicht erfassten, komplexen Prozess darzustellen, hat sich Anne Günther in ihrer Doktorarbeit am RWTH-Institut für Neuere und Neueste Geschichte vorgenommen.

Akzeptanz und Toleranz

Der Contergan-Skandal wäre in der Konsenskultur der 1950er Jahre nicht denkbar gewesen, bestätigt Prof. Armin Heinen, Betreuer der Arbeit und Inhaber des Lehrstuhls: «Dieser Skandal ist Teil des gesamtgesellschaftlichen Veränderungs-, ja Umbruchprozesses.» Einerseits symbolisiere der Skandal diesen Epochenwandel, andererseits habe er ihn vorangetrieben, so Günther, die ihrer Dissertation eine weitreichende Arbeitshypothese zugrunde legt: «Der Contergan-Skandal ist Initiator für Demokratisierung und Liberalisierung in den sechziger Jahren.»

Vier verschiedene Netzwerke mit ihren zunächst je eigenen und dann auch einander beeinflussenden Diskursen haben diesen Wandel bewirkt: Die Netzwerke der Medien, der Pharmaindustrie, der Juristen sowie der Politiker. Wandelten sich die Medien zunehmend zum politisierten Wächter, lernte das Justizsystem aus den quälend langen Ermittlungen, dem erst 1968 eröffneten nach drei Jahren und ohne Verurteilung eingestellten Prozess, sich künftig mehr den Opfern zu widmen.

Die vielleicht wichtigste Wirkung des Skandals aber war die von Günther beobachtete «neue Wahrnehmung von Behinderung». Die Verbindung der Netzwerke hinterließ einen «tiefgreifenden Bedeutungswandel von körperlicher Behinderung und Normalität. Begriffe wie ?Missbildung' und ?Krüppel' kursierten in den Medien, Journalisten fragten nach den körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen der Contergan-Kinder und sensibilisierten die Bevölkerung für diese Themen».

Bestimmten bis dahin Kriegsversehrte und Opfer von Unfällen im Rollstuhl die Bilder von Behinderung, waren es nun Kinder, die von Geburt an beeinträchtigt waren. Günther: «Die Öffentlichkeit musste einsehen, dass sie ihre bisherige Deutung von ?Missbildung' oder ?Behinderung' verändern und erweitern musste. Journalisten, Mediziner, Politiker und Eltern versuchten, Verständnis, Akzeptanz und Toleranz für die ?Contergan-Kinder' zu erreichen.»

Diese historische «Leistung» ist offenkundig gelungen. Die Aufgabe bleibt. 2400 Contergan-Geschädigte, allein in Deutschland, leben noch. Sie oder ihre Interessenvertreter verhandeln gerade mit Grünenthal um Gelder aus einem «Härtefallfonds», der die körperlichen Folgen der Überlastung wenigstens finanziell mildern soll. Das Unternehmen hat sich Ende August anlässlich der Einweihung eines Opfer-Denkmals in Stolberg für sein langes Schweigen entschuldigt. Nicht aber für ein Fehlverhalten in der Sache. In einem Interview vom September sagt der Geschäftsführer Harald Stock: «Grünenthal hat bei der Einführung von Contergan nach dem damaligen Stand von Wissenschaft, Zulassungspraxis und Recht verantwortungsvoll gehandelt.»

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Beitrag Verfasst: Sonntag 21. Oktober 2012, 11:24 
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CONTERGAN
Pilot-Projekt für Contergan-Opfer
21.10.2012 | 00:00 Uhr


Thomas Mack und sein Geschäftspartner Stefan Hafeneth (hier via Skype im Bild) bieten Kurse und Schulungen für Spracherkennungssofteware für Menschen mit Behinderungen an.Foto: Ulla Emig
Duisburg. Stephan Hafeneth zündet sich eine Kippe an. Die Zigaretten steckt zwischen dem dicken und dem zweiten Zeh. Der 50-Jährige raucht, isst und tippt sogar SMS mit dem rechten Fuß. Hafeneth ist einer der jüngsten Contergangeschädigten in Deutschland. Im November 1961 wurde das Medikament vom Markt genommen, einen Monat vorher wurde seine Mutter schwanger. Ihm fehlen beide Arme, das linke Bein ist verkürzt. Um zu laufen, braucht er eine Prothese.

„Viele Conterganopfer haben Folgeschäden, etwa am Rücken, weil sie sich immer so krümmen müssen.“ Zumindest für dieses Problem gibt es jetzt eine Lösung. Die Duisburger Firma Paradicta bringt im Auftrag von Grünenthal den Betroffenen den Umgang mit einer Spracherkennungssoftware bei. So können sie künftig Briefe diktieren oder chatten und müssen nicht mehr vor der Tastatur sitzen. Es ist ein Pilotprojekt.

Mitarbeiter ist selbst Betroffener
Rund 2400 Contergangeschädigte leben derzeit in Deutschland, etwa 800 wohnen in NRW. Stephan Hafeneth ist einer von ihnen. Er gehört zu den Contergan-Aktivisten, die sich für eine Verbesserungen der Versorgungssituation der Contergangeschädigten einsetzen – und auf eine angemessene Entschädigung von der Firma Grünenthal pochen.

Er hat einen ebenso bunten Lebenslauf wie Paradicta-Chef Thomas Mack. Hafeneth studierte Sprach-, Literatur- und Politikwissenschaften, arbeitete im Büro, machte sich mit einer Rohrreinigungsfirma selbstständig und heuerte zuletzt beim Architekten an. Briefe tippte er mit dem Fuß. Dann machte er eine Schulung bei Mack mit und wurde prompt von ihm eingestellt. Nun schult er selbst und macht anderen Betroffenen Mut.

Grünenthal sponsert
Viele Verbände, die die Contergangeschädigten vertreten, sehen das Engagement von Grünenthal kritisch und wollen trotz der zusätzlichen Hilfe eine höhere Entschädigung der Betroffenen erreichen. Grünenthal verweist allerdings auf Entschädigungszahlungen in der Vergangenheit. „Contergan bleibt Teil der Unternehmensgeschichte und wir wollen mit dem Thema verantwortungsvoll umgehen. In Gesprächen mit Betroffenen haben wir viel über die Schwierigkeiten gelernt, die sich für die Betroffenen bei der Bewältigung des Alltags ergeben“, erklärt Grünenthal-Sprecher Frank Schönrock. Deshalb habe man sich entschlossen, ein solches Projekt zu unterstützen. Die Duisburger Firma ist dem Konzern empfohlen worden.

„Ein Traum wäre es, wenn Spracherkennung irgendwann in den Heilmittelkatalog aufgenommen würde. Schließlich wäre so eine Software auch eine Hilfe für Schlaganfallpatienten, die zwar noch sprechen, aber ihre Arme nicht mehr bewegen können“, erklärt Thomas Mack. Dazu müsste der Bundestag eine entsprechende Erweiterung auf den Weg bringen. Würden Schulungen dieser Art anerkannt, könnten die Krankenkassen die Kosten übernehmen.

Teure Austattung
Sein Chef ist gelernter Medizinisch-Technischer Assistent, hat Sport studiert und, bevor er die Firma gründete, als Systemadministrator gearbeitet. Nun will er den technischen mit dem sozialen und gesundheitlichen Aspekt verbinden. „Wach auf“, spricht Mack in sein Headset und fordert den Computer damit auf, zu starten. „Sehr geehrte Damen und Herren Komma“, setzt Mack fort. Der Cursor bewegt sich wie von Geisterhand über das virtuelle Blatt und schreibt den Brief. Später kann man noch einzelne Passage markieren, umstellen – alles funktioniert auf Kommando.

„Am Anfang muss man den Computer an die Stimme gewöhnen, dann klappt das gut.“ Paradicta arbeitet mit dem Spracherkennungsprogramm „Dragon Naturally Speaking“, dem Marktführer. Rund 4500 Euro kostet das Equipment und die Einführung in das Programm. Für 15 Betroffene übernimmt Grünenthal die Kosten. In anderen Fällen könnte das Arbeitsamt helfen.

„Das erleichtert das Leben sehr“
„Das erleichtert das Leben schon sehr“, sagt Stephan Hafeneth, schließlich braucht er sich nun nicht mehr über eine Tastatur zu beugen, sondern kann beispielsweise auch im Stehen oder Liegen schreiben. Zudem sind für viele Betroffene die diktierten Mails oder Chats eine Möglichkeit, Freundschaften zu pflegen.

Hafeneth ist trotz seiner Behinderung ein aktiver Mensch. Er hadert nicht mit seinem Schicksal.

Von Fabienne Piepior

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Alexander Weinlein
Bilanz der Contergan-Entschädigung


Die Bundesregierung zieht eine positive Bilanz aus dem Zweiten Änderungsgesetz des Conterganstiftungsgesetzes, das Ende Juni 2009 in Kraft trat. Der Parlamentarische Staatssekretär im Familienministerium, Hermann Kues (CDU), informierte vergangene Woche den Familienausschuss über die Umsetzung des Gesetzes. Nach seinen Angaben sind nach Abschaffung der bis dahin geltenden Ausschlussfrist zur Geltendmachung von Entschädigungsleistungen im Jahr 2009 insgesamt 565 neue Anträge eingereicht wurden. 65 von ihnen seien bisher bewilligt worden, 126 Antragsverfahren seien noch nicht abgeschlossen. In neun Fällen sei eine einmalige Kapitalentschädigung, in 56 Fällen eine Kapitalentschädigung und die Zahlung der monatlichen Conterganrente bewilligt wurden. Die Mindestrente stieg laut Kues von 248 auf 255 Euro und die Höchstrente von 1.090 auf 1.151 Euro.

Vertreter der Conterganstiftung und der Betroffenenverbände bestätigten zwar, dass die Gesetzesänderung zu Verbesserungen geführt habe. Zugleich mahnten sie jedoch weitere Verbesserungen an. So seien die Handlungsempfehlungen des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg in eine Gesetzesnovelle einzubeziehen. Das Institut war gemäß eines fraktionsübergreifenden Antrags von CDU/CSU, SPD und FDP aus dem Jahr 2008 (16/11223) beauftragt worden, den tatsächlichen Bedarf von Contergangeschädigten zu ermitteln.

Im Januar 2013 wird der Familienausschuss den Abschlussbericht des Instituts, der bis Jahresende vorliegen soll, in einer öffentlichen Anhörung thematisieren.

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